Ant unter der Lupe: Technologiekonzern oder Finanzdienstleister?

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01. August 2018
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Von Stella Yifan Xie

Die Ant Financial Services Group wickelte im vergangenen Jahr mehr Zahlungen ab als Mastercard, sie verwaltet den weltgrößten Geldmarktfonds und hat Kredite an viele Millionen Menschen vergeben. Durch die Zahlungsplattform des Unternehmens flossen dabei Transaktionen im Wert von 8 Bio. US-Dollar, fast doppelt so viel wie das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands. Die Gründung des chinesischen Milliardärs Jack Ma ist zum größten FinTech-Unternehmen der Welt geworden. Ant ermöglicht es Nutzern, von Versicherungen bis Lebensmitteln alles mit einem Smartphone zu kaufen und so wochenlang ohne Bargeld auszukommen. Dieser Erfolg macht das Unternehmen jedoch auch zur Zielscheibe.

Chinesische Banken bemängeln, dass Ant ihnen die Einlagen abgrabe, wodurch sie höhere Zinsen zahlen müssen. Außerdem sei das FinTech-Unternehmen ein Grund dafür, dass sie Filialen und Geldautomaten abbauen müssen. Ein Kommentator sagte im chinesischen Staatsfernsehen, dass der Geldmarktfonds von Ant einem Vampir gleiche, der das Blut aus den Märkten saugt. Chinesische Behörden setzen dem Unternehmen daher immer mehr Grenzen. Anfang des Jahres machte die Zentralbank Ant einen Strich durch die Rechnung, als sie ein seit Jahren geplantes Bonitätssystem des Unternehmens verhinderte. Aufsichtsbehörden setzen Ant unter Druck, Zuflüsse zu dem riesigen Geldmarktfonds zu drosseln. Außerdem erwägen sie, Ant als Finanzholding zu deklarieren, sodass das Unternehmen den für Banken üblichen Kapitalanforderungen entsprechen müsste. Das würde wahrscheinlich den Gewinn belasten, der vergangenes Jahr 2 Mrd. Dollar vor Steuern betrug. Der Umsatz lag bei 10 Mrd. Dollar.

Ant ist mehr wert als Goldman Sachs

Investoren sind weiterhin begeistert von dem Unternehmen. Im Juni bewerteten sie Ant mit 150 Mrd. Dollar, mehr als doppelt so viel wie bei einer Finanzierungsrunde im Jahr 2016. Ant ist damit mehr wert als Goldman Sachs. 

Jahrelang hätten chinesische Behörden das Unternehmen zügellos wachsen lassen, sagt Zhu Ning, stellvertretender Direktor des National Institute of Financial Research an der Universität Tsinghua. Er habe mit den Aufsichtsbehörden über die Risiken gesprochen, die Ant verursacht. "Es ist einfach unglaublich, dass ein so riesiges Finanzinstitut umfassende regulatorische Rahmenbedingungen umgehen konnte", sagt Zhu. Der Vizegouverneur der chinesischen Zentralbank warnte vor kurzem, dass sich einflussreiche Zahlungsdienstleister nicht für "zu groß zum Regulieren" halten sollten. Namen von Unternehmen nannte er dabei keine. Ant-Manager streiten hingegen ab, dass sich das Unternehmen wie eine unbeaufsichtigte Bank verhalte. Sie böten vielmehr Finanzdienstleistungen für Personen an, die Banken bisher ignoriert haben. Die meisten Kredite, die Ant anbietet, seien nicht in der eigenen Bilanz verbucht. Vielmehr agiere das Unternehmen als Plattform für Banken und andere Kreditgeber.

Die verstärkte Kontrolle von Ant und ähnlichen Wettbewerbern könnte ein goldenes Zeitalter der Finanztechnologie verhindern - und sie zeigt, wie viele Veränderungen die chinesischen Behörden akzeptieren, bevor sie einschreiten, um existierende Unternehmen zu schützen.

In den vergangenen Monaten haben die FinTech-Töchter von Internetkonzernen wie JD.com und Baidu versprochen, weniger auf eigene Finanzdienstleistungen zu setzen und vielmehr ihre Plattformen auszubauen, wo traditionelle Finanzinstitute ihre Dienste anbieten können.

Ant versteht sich als Technologieanbieter

Ant verfolgt die gleiche Strategie. Das Unternehmen sagt, dass es kein Finanzkonzern, sondern ein Technologieanbieter oder eine "Lifestyle-Plattform" sein wolle. Die Gewinne sollten in Zukunft vor allem aus den Gebühren entstehen, die Institute für die Nutzung dieser Technologie zahlen. Heute nutzen bereits über 620 Millionen Menschen die Ant-App Alipay, sagt eine mit den Zahlen vertraute Person. Entstanden ist Ant 2004, als der Internetkonzern Alibaba die Zahlungsplattform Alipay ins Leben rief, um Online-Einkäufe zu vereinfachen. Alibaba betreibt einen beliebten, Ebay-ähnlichen Dienst namens Taobao. Die Plattform brauchte ein sicheres und verlässliches Zahlungssystem. Ma ließ sich nicht davon beeindrucken, dass es in China kein Regelwerk für Zahlungsdienstleister gab, die selbst keine Bank sind.

Als Alipay wuchs, wurde dem Management klar, dass es das Finanzsystem grundlegend verändern könnte. Ma sagte im Dezember 2008, dass chinesische Banken kleine Unternehmen nicht genug unterstützten. Großbanken arbeiteten vor allem mit Staatskonzernen zusammen und ignorierten kleine Firmen, denen es an Kapital fehlte. "Wenn sich die Banken nicht verändern, verändern wir die Banken", sagte er. Eine Alibaba-Sparte begann kurz darauf, Kredite an Kleinunternehmer zu vergeben.

2013 hatten Nutzer von Alipay bereits Milliarden von Dollar auf ihren virtuellen Konten liegen, von wo aus sie Transaktionen bei Taobao abwickelten. Mitarbeiter hatten die Idee, einen Geldmarktfonds aufzulegen, wo Alipay-Nutzer ihr Geld gewinnbringend anlegen konnten. Der Fonds, der unter dem Namen Yu'e Bao oder "übriger Schatz" bekannt ist, ermöglicht schon Investitionen ab 0,01 Yuan (0,0013 Euro) und erlaubt es den Kunden, gebührenfrei Anteile zu kaufen und verkaufen. In den ersten Tagen nach Auflage im Juni 2013 überwiesen mehrere Millionen Nutzer Geld an den Fonds, da dieser mehrere Prozentpunkte mehr Rendite versprach, als Banken auf kurzfristige Einlagen zahlten. Yu'e Bao generierte seine Rendite mit Investitionen in Hochzinsprodukte, die riskanter waren als solche, die traditionelle Banken nutzen durften.

Jack Ma war zwischenzeitlich als CEO von Alibaba zurückgetreten, blieb jedoch weiterhin Chairman. 2014 benannte man Alipay dann in Ant um. Manager schmiedeten Pläne, um in das Geschäft mit Verbraucherkrediten, Kleinunternehmerkrediten, Bonitätsnoten und Versicherungen zu expandieren. Außerdem machte sich das Unternehmen die stetige Verbreitung von Smartphones zunutze.

Darauf folgte jedoch die Gegenreaktion. Die Zentralbank fordert jetzt, dass Zahlungsdienstleister ohne Bankenlizenz, darunter Alipay und der Rivale Wechat Pay, Gelder auf virtuellen Konten ab Anfang 2019 in zinsfreien Bankkonten aufbewahren müssen, um Missbrauch zu vermeiden. Das bedeutet, dass die Zahlungsdienstleister mit diesen Geldern keine Rendite mehr generieren können. Online-Zahlungsdienste, die 2016 noch 65 Prozent der Umsätze von Ant generiert hatten, könnten bis 2021 dadurch nur noch weniger als ein Drittel zum Umsatz beitragen, erwartet eine mit der Angelegenheit vertraute Person. (DJN) 

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