Aufseher nehmen Risikoaktiva der Banken unter die Lupe

ERM
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04. November 2016
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Von Hans Bentzien und Eyk Henning

Bei den derzeit laufenden Verhandlungen im Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht über neue Kapitalvorschriften müssen nach dem Willen von Branchenvertretern europäische Interessen stärker Berücksichtigung finden. Die Berechnung von Risiken müsse so risikosensitiv wie nötig und so einfach wie möglich gehalten werden. Dies aber sei mit den Basel-IV-Vorschlägen nicht vereinbar.

Die internationalen Bankenaufseher ziehen die Schrauben bei der Eigenkapitalausstattung der Institute weiter an. Nachdem sie zunächst neue Zielwerte für die an den risikogewichteten Aktiva gemessenen Eigenkapitalquoten ausgegeben hatten und dann für das ungewichtete Eigenkapital (Leverage Ratio), steht nun die Risikogewichtung selbst im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Den Regelsetzern des Baseler Ausschusses ist ein Dorn im Auge, dass viele Institute ihre gewichteten Eigenkapitalquoten auf Basis stark nach unten manipulierter Risiken berechnen. Das können sie, weil sie diese Risiken nicht anhand eines für alle Banken anwendbaren Standardansatzes berechnen müssen, sondern interne Ratingmodelle verwenden dürfen. Diese Möglichkeit soll nun deutlich eingeschränkt werden. Im November wird der Ausschuss seine finalen Vorschläge präsentieren.

Erklärtes Ziel des Baseler Ausschusses ist es, die Unterschiede von Bank zu Bank bei der Risikogewichtung zu verkleinern. Und sie sind offenkundig sehr groß, wie das Verhältnis von risikogewichteten Aktiva (RWA) zu den gesamten Aktiva (RWA-Dichte) zeigt. Eine Aufstellung von Standard & Poor's (S&P) Markets aus diesem Frühjahr zeigt auf der einen Seite Institute wie Unicredit oder BBVA, die RWA-Dichten von 45 oder 54 Prozent aufweisen, auf der anderen Seite aber Banken wie Deutsche Bank oder UBS mit Werten von nur 24 und 22 Prozent. Übersetzt bedeutet das: Deutsche und UBS gehe davon aus, dass 76 bzw. 78 Prozent ihrer Bilanz völlig risikofrei sind. Oder umgekehrt: Ihre risikogewichteten Eigenkapitalquoten decken nur 24 und 22 Prozent der Bilanz ab, was auch erklärt, warum diese beiden Institute mit 3,5 und 4,0 Prozent sehr niedrige Leverage Ratios aufweisen.

Der Baseler Ausschuss möchte diese Exzesse nun im Rahmen der "Vollendung der Eigenkapitalrichtlinie Basel 3" (= Basel IV) zumindest mildern. Dabei, so hat er wiederholt versprochen, soll es nicht zu einem allgemeinen und deutlichen Anstieg der Eigenkapitalanforderungen zusätzlich zu dem kommen, was Basel 3 bisher schon zu bringen verspricht. William Coen, der Generalsekretär des Baseler Ausschusses, sagte kürzlich bei der Jahrestagung des Bankenverbands IIF in Washington: "Das bedeutet nicht, dass die Eigenkapitalmindestanforderungen für alle Banken gleich bleiben. Wir können die großen Unterschiede bei den risikogewichteten Aktiva nur reduzieren, wenn es für "Ausreißer-Banken" bestimmte Auswirkungen gibt. Auf einige Banken, die echte Ausreißer sind, können also durchaus deutlich höhere Anforderungen zukommen."

Im Kern geht es darum, den Einsatz interner Modelle bei der Risikoberechnung insgesamt einzuschränken. Da, wo er weiter erlaubt ist, soll zudem der aus ihnen zu ziehenden Nutzen eingeschränkt werden. Nach Vorstellung der USA sollen Banken ihre Aktiva mit internen Modellen nur bis auf 80 Prozent des Standardansatzes herunter rechnen dürfen. Die Europäer wollen jedoch 60 Prozent. Die Aufseher sprechen von "Output Floors". Die Banken sind nicht amüsiert von diesen Plänen. Sie sprechen von "Basel IV". Richtig glücklich ist mit den Plänen in Deutschland niemand: Die Baseler Regulatoren wollen, dass Banken für Kredite an Mittelständler mehr Eigenkapital als bisher weglegen, sie wollen die Risikoannahmen für Immobilienkredite vereinheitlichen und erhöhen und sie wollen den vielen kleinen deutschen Instituten noch mehr bürokratische Lasten aufbürden.

"In der Gesamtschau steht Deutschland auf der Verliererseite, und das gilt es zu vermeiden - wir müssen wenigstens in den neutralen Bereich", sagt Carsten Gross, Regulierungsexperte des Bundesverbands öffentlicher Banken (VÖB). Interne Modelle finden an verschiedenen Stellen der Risikomessung Anwendung: bei den Kreditrisiken, bei operativen Risiken, bei Marktrisiken. Modelliert werden nicht nur Ausfallwahrscheinlichkeiten, sondern auch Annahmen zum Ausmaß von Verlusten. "Am stärksten dürften davon die großen Häuser betroffen sein, die bisher den fortgeschrittenen internen Ratingansatz verwenden und jetzt auf den Basisansatz zurückfallen", sagt VÖB-Experte Gross. Zu ihnen gehören ganz sicher Großbanken wie Deutsche Bank, UBS, BNP Paribas oder Unicredit.

Wie hoch die Auswirkungen auf die Risikoaktiva tatsächlich ausfallen werden, ist aber noch unklar. Hinter den Kulissen wird in Basel heftig um Details gerungen. Die Ratingagentur S&P rechnet damit, dass der Baseler Ausschuss seine zur Konsultation gestellten Vorschläge noch abändern wird. Wirksam werden sie
ohnehin erst 2019. Zudem haben einige Banken schon vorgesorgt. So geht die Deutsche Bank selbst schon länger davon aus, dass ihre risikogewichteten Aktiva aufgrund regulatorischer Vorgaben steigen werden. Im Oktober 2015 - schon vor der offiziellen Bekanntgabe der Baseler Pläne - rechnete die Bank laut einem Strategiepapier damit, dass schärfere Regeln bei der Risikoberechnung bis 2020 zu einem Anstieg der risikogewichteten Aktiva um 33 Prozent bzw. 100 Milliarden Euro führen werden. Sie nennt diesen Effekt "regulatorische Inflation". Im Juli dieses Jahres bestätigte CFO Marcus Schenck die Prognose von 100 Milliarden. Aktuelle Angaben wollte die Bank auf Anfrage nicht machen.

Amit Ranjan, der bei JP Morgan für europäische Banken zuständig ist, rechnet vor diesem Hintergrund nicht damit, dass die Aufseher die Bank zusätzlich in Bedrängnis bringen werden. Anders sieht es nach seinen Berechnungen zum Beispiel bei UBS, BNP Paribas und Unicredit aus: Obwohl auch sie ihre Aktiva reduzieren wollen, werden sich die risikogewichteten Eigenkapitalquoten dieser Banken laut Ranjan infolge der neuen Regulierung um 1,6, 1,8 und 0,9 Prozentpunkte verringern.

 

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