Banken: Stabilitätsrisiko für globale Finanzsysteme?

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22. Juni 2016
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Von Madeleine Nissen, Stefan Hirschmann

Die Klagen der Finanzindustrie über die Niedrigzinspolitik stoßen bei Bundeskanzlerin Angela Merkel offenbar auf taube Ohren. "Der Realzins ist so schlecht nicht", sagte sie vor dem Wirtschaftsrat der CDU. "Zu Zeiten von Helmut Schmidt, mit einer Inflation von sechs Prozent mindestens, hat Ihnen ein Zinsniveau von drei, vier Prozent auch nicht richtig geholfen", sagte sie. Die Niedrigzinspolitik sei eine Folge der Finanzkrise und von der US-Notenbank begonnen worden, nicht von der Europäischen Zentralbank. Insbesondere Banken und Versicherungen kritisieren die Zinspolitik von Notenbankchef Mario Draghi inzwischen sehr scharf. Das ohnehin margenschwache Geschäft der Banken wirft noch weniger ab als bisher. Die Lebensversicherer wissen nicht, wie sie die hohen Garantiezinsen verdienen sollen. Auch für Pensionsfonds spitzt sich die Lage zu.

Erst im Mai hatte die Finanzaufsicht BaFin vor den Folgen der Niedrigzinsen auf die Pensionsfonds gewarnt. "Einzelne könnten bald möglicherweise nicht mehr aus eigener Kraft ihre Leistungen in voller Höhe erbringen", sagte Versicherungsdirektor Frank Grund. "Mit ihnen besprechen wir aktuell, wie es weitergehen kann." Auch die Rückversicherer schlagen Alarm. "Wenn die Zinsen nicht steigen, werden wir beim Ergebnis Federn lassen, da das Risiko nicht steigt", warnte Nikolaus von Bomhard, Vorstandschef der Munich Re bei der Jahrespressekonferenz. Angesichts negativer Zinsen hat sich die Munich Re als Teil ihrer Vermögensanlage sogar einen Vorrat an Gold in den Tresor gelegt.

Die Kapitalmärkte befinden sich in einer gefährlichen Abhängigkeit von den Zentralbanken, ist Dieter Wermuth, Head of Macroeconomic Research bei Wermuth Asset Management, überzeugt. Da die Inflation weiterhin unter dem Zielwert bleibt, setzen die Fed, die EZB und die Bank of Japan, bzw. eigentlich alle Zentralbanken der entwickelten Länder, ihre Politik des billigen Geldes fort. „Der Höhepunkt der lockeren Geldpolitik sollte jedoch nun hinter uns liegen“, meint Wermuth. Vor allem Banken hätten einen dramatischen Rückgang ihrer Zinsspannen erlebt, da die Erträge aus ihren Vermögenswerten deutlich schneller zurückgegangen seien als die Kosten für Fonds. „Banken bleiben auch weiterhin ein Stabilitätsrisiko für die globalen und nationalen Finanzsysteme. Das ist ein ungeliebter Nebeneffekt der andauernden und notwendigen strukturellen Veränderungen“, sagt Wermuth.

Ein Teil des Problems ist die schärfere Regulierung. Nach Ausbruch der Finanzkrise sind die Kapitalanforderungen stark gestiegen. Die Banken verdienen immer weniger, müssen aber eine immer dickere Kapitaldecke vorweisen. John Cryan, Vorstandschef der Deutschen Bank, warnte daher vor einem Teufelskreis. "Die Banken liefen den immer strengeren Anforderungen fast pausenlos hinterher", kritisierte Cryan beim Wirtschaftstag in Berlin. "Schwache Banken stehen einer Erholung der Wirtschaft im Weg und weil wiederum die Konjunktur nicht in Schwung kommt, fällt es den Banken umso schwerer, wieder Tritt zu fassen", sagte er. Die härtere Regulierung sei nachvollziehbar, aber die Banken bräuchten Sicherheit in der Planung, forderte Cryan.

Für Erleichterung dürfte daher die Ankündigung Merkels sorgen, jetzt mit der Regulierung großer Banken das Meiste geschafft zu haben. "Bei den systemischen Banken sind wir mit Regulierung gut durch", sagte sie. Jetzt seien die Schattenbanken dran. Auch ihre klare Ablehnung einer gemeinsamen Einlagensicherung in Europa zum jetzigen Zeitpunkt wird bei den deutschen Banken gut ankommen. "Man kann nicht immer mit dem Endpunkt beginnen", sagte sie. Es sei nicht richtig, "alle Risiken in einen Topf zu werfen und dann mal schauen, wer für die Risiken gerade steht."

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