Brexit? Exit? Den Banken läuft die Zeit davon

ERM
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11. Dezember 2018
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Redaktion RISIKO MANAGER

Während die britische Premierministerin Theresa May noch versucht, ihr Brexit-Abkommen mit der Europäischen Union zu retten, bereiten sich Unternehmen auf beiden Seiten des Ärmelkanals auf das Schlimmste vor: einen harten Brexit. May hatte am Montag die Abstimmung über den Austrittsvertrag verschoben, nachdem ihr klargeworden war, dass sie ihn so nicht durch das Parlament bringen würde. Nun läuft ihr die Zeit davon. Bis zur endgültigen Trennung von der EU am 29. März 2019 bleibt Großbritannien kaum mehr als ein Vierteljahr.

Seit Monaten bereiten sich Unternehmen auf den Fall vor, dass Großbritannien die EU ohne Vereinbarung über die künftigen Handelsbeziehungen verlässt. Arbeitskräftemangel, lange Verzögerungen bei der Grenzabfertigung und neue Zölle könnten den Briten blühen. Firmen haben bereits damit begonnen, Waren zu horten, Mitarbeiter neu einzuteilen und Notfallpläne zu entwerfen, um auf Störungen in der Lieferkette und regulatorische Unsicherheiten reagieren zu können.

Die vertagte Abstimmung stößt auf Unverständnis. Sie sei ein „weiterer Nackenschlag für alle Unternehmen, die verzweifelt nach Klarheit rufen", sagte Carolyn Fairbairn, Direktorin bei der Confederation of British Industry, die 190.000 Unternehmen repräsentiert. Sie beschwor die Gefahr einer nationalen Krise herauf. Sollten sich die Abgeordneten im Unterhaus nicht bald auf einen wie auch immer gearteten Brexit verständigen, habe Großbritannien nach dem 29. März 2019 überhaupt nichts in der Hand.

Mit am härtesten würde das die Autobauer und deren enge Lieferketten treffen. Die Einführung von Zöllen würde sich sowohl auf Fahrzeuge als auch auf Bau- und Zulieferteile auswirken. "Ein Brexit ohne Abkommen wäre eine Katastrophe", sagte der Vorsitzende des Handelsverbands der britischen Automobilindustrie, Mike Hawes. Toyota wies bereits darauf hin, dass die Produktion mit den vor Ort verfügbaren Teilen nur vier Stunden lang gesichert sei. Das Werk in Großbritannien wird täglich von 50 Lkw beliefert, die über die Grenze kommen. Unternehmen wie Airbus oder Pfizer haben bereits Millionen in die Kontingentplanung und zusätzliche Lagerhaltung von Teil- und Endprodukten investiert. Drei Viertel der britischen Arzneimittelimporte stammen aus der EU. Nach einer am Montag veröffentlichten Umfrage des britischen Instituts leitender Unternehmer gaben nur 14 Prozent der angeschlossenen Firmen an, sie seien so gut vorbereitet, dass sie auch einen harten Brexit managen können.

Banken bereiten sich auf Ernstfall vor

Auch die Banken bereiten sich auf den Ernstfall vor. Sie beantragen Lizenzen, um ihr operatives Geschäft auch von anderen europäischen Ländern aus betreiben zu können, unabhängig davon, wie der Brexit am Ende aussieht. Nach zähem Beginn hört man von den europäischen Aufsichtsbehörden, dass sie im Großen und Ganzen zufrieden sind mit den Vorbereitungen und Fortschritten der großen Banken und Unternehmen zur Bewältigung der Herausforderungen. Weniger optimistisch ist die Bank of England. Sie verweist auf ungelöste Probleme, so zum Beispiel auf Billionen-schwere Sicherungsgeschäfte und Versicherungspolicen, die umgeschrieben werden müssten, um gültig zu bleiben.

Der Finanzbranche läuft die Zeit davon. In der globalen Finanzbranche gelten Kontrakte oft für einen Zeitraum von 90 Tagen. Rechnet man vom Brexit-Datum am 29. März zurück und bezieht die Weihnachtszeit mit ein, dann muss der Finanzsektor jetzt die wirklich wichtigen Entscheidungen treffen.

Knackpunkt Clearing

Am sensibelsten ist das Clearing-Geschäft. London dominiert diesen Geschäftszweig. Doch die Londoner Institute, die hier bisher aktiv sind, dürfen das für Banken und Investoren in Kontinentaleuropa eventuell bald nicht mehr machen. Europas Banken sind zuversichtlich, dass Brüssel am Ende eine Lösung findet. Aber falls nicht, türmen sich die Kosten für die Verlagerung der europäischen Clearing-Aktivitäten extrem hoch auf. Der Branchenverband Association of Financial Markets in Europe schätzt, dass die EU-Banken in Europa bis zu 40 Mrd. Euro extra zahlen müssen und bis zu 1 Mrd. Euro mehr Kapital vorzuhalten haben. Diese Kosten werden umgewälzt und resultieren in teureren Finanzierungen für Firmen, Anleger und Privat-Kreditnehmer.

Das Clearing erlebt seit der Finanzkrise wahre Sternstunden. Die Regulierer zwingen nämlich weltweit Banken, mehr Derivate-Positionen über Clearing-Häuser laufen zu lassen, um die Schäden durch den Ausfall einer der beteiligten Parteien zu begrenzen. Clearing-Häuser aus London – allen voran LCH, die zur Londoner Börse gehört – wickeln mehr als 90 Prozent der weltweiten OTC-Derivategeschäfte ab, darunter solche für Zinsswaps oder Kreditausfallversicherungen (CDS). Es sind nicht nur die Derivatgeschäfte, bei denen London so sehr mitmischt, sondern auch in der Abwicklung von sogenannten Repos und ebenso im Aktienhandel.

Brüssel hat geschlafen

Brüssel versprach im November, den Clearing-Häusern zur Seite zu stehen, aber nur um die Finanzstabilität zu stützen. Die Bank of England und Branchengruppen warnten, dass die EU-Kommission schnell handeln und sagen müsse, was sie wann zu tun gedenke. Ohne mehr Klarheit könnten die britischen Clearing-Häuser bald gezwungen sein, den europäischen Firmen Beendigungs-Mitteilungen zuzusenden, um zu guter Letzt nicht ab dem 30. März gegen EU-Clearing-Gesetze zu verstoßen. Sicherlich mag da auch ein guter Schuss Panikmache eine Rolle spielen. Aber ohne politische Einigung werden Europas Banken und ihre Kunden bald zu spüren bekommen, wie teuer der fehlende Zugang zum Londoner Clearing sie zu stehen kommt. (DJN) 

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