Brexit könnte Banken hohe Umzugskosten bescheren

ERM
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03. Juli 2017
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Von Max Colchester

Auf die in Großbritannien sitzenden Banken könnten im Verlauf eines möglichen, brexitbedingten Umzugskosten von bis zu 15 Mrd. Euro zukommen. Dadurch könnten jahrelang die Gewinne der Geldhäuser in Mitleidenschaft gezogen werden und die Kunden in der EU relativ schwer betroffen sein, wie aus einer Studie der Boston Consulting Group (BCG) im Auftrag der Association for Financial Markets in Europe hervorgeht. Demnach könnten die Kosten für den Aufbau einer Niederlassung innerhalb der EU tief ins Kontor schlagen und auf den Gewinnen lasten. Der Branchenverband fürchtet, dass diese Kosten letztlich der europäische Verbraucher tragen muss.

Britische Banken dürften wohl gezwungen sein, große Teile ihres Geschäfts in die EU zu verschieben, um Kunden dort zu bedienen. Die Downing Street tut sich momentan schwer damit, für die Briten so viel Zugang zum Gemeinsamen Markt wie möglich auszuhandeln und ihm zugleich nicht anzugehören. Sollte in dieser Hinsicht ein Abkommen ausbleiben und der Finanzplatz London von Europa de facto ausgeschlossen werden, müssten womöglich Bankenassets im Wert von 1 Bio. Euro auf europäische Niederlassungen umgebucht werden. Dazu zählen Kredite, Wertpapiere und Derivate. In vielerlei Hinsicht könnte das teuer werden. Nicht nur müssen die Banken Personal umziehen lassen, Büros ausweiten und von den Regulierern grünes Licht erhalten, sondern die dortigen neuen Töchter auch kapitalisieren. Traditionell nutzten Investmentbanken London als Sprungbrett, um Kunden nicht nur aus Europa, sondern auch Afrika und Asien zu bedienen. Da das Kapital an einem Ort zusammengefasst war, wurde das Geschäft effizienter. Doch sollten die Rechte darauf, an EU-Kunden Finanzprodukte zu verkaufen, verloren gehen, müssten laut Schätzung der BCG rund 70 Mrd. Euro Eigenkapital in die neuen europäischen Töchter gepumpt werden. Die Amortisierung dieser Kosten in den nächsten drei bis fünf Jahren könnte nach diesen Rechnungen die Eigenkapitalrenditen um 0,5 Prozentpunkte auf 0,8 Prozent verringern.

Eine ganz andere Frage betrifft das Clearing. Die EU schlug erst jüngst vor, dass Clearinghäuser, die ihre Tätigkeit massiv in Euro ausüben, zum Umzug in die EU gezwungen werden könnten. BCG schätzt, dass eine Verlagerung der Euro-denominierten Zinskontrakte von der Insel weg europäische Banken zum Aufbau von zusätzlichen Sicherheiten in Höhe von 30 bis 40 Mrd. Euro zwingen dürfte. Beim Clearing zählen die Größenvorteile. Sie reduzieren auch das gegen entstehende Risiken vorzuhaltende Kapital. Mit einem Abzug von Kontrakten in Richtung eines neuen Standorts könnte das Clearing teurer werden, warnen Analysten. Laut einer Umfrage sorgen sich Europas Konzerne kaum um die Nöte der Banken. Sie gingen davon aus, dass die Banken die Probleme lösten und alle Kosten trügen, die der Brexit auslöse, heißt es im Bericht weiter. Die Studie unterstreicht einen Punkt, den die Banker seit einem Jahr gegenüber der Politik gebetsmühlenartig wiederholen: Jeglicher Wechsel müsse graduell erfolgen, damit sich die Geschäftswelt anpassen könne. (DJN)


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