Das Projekt AnaCredit

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11. Mai 2015
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Falko Döring, Tilman Walther

Mit der Veröffentlichung des Beschlusses EZB/2014/6 am 08.04.2014 im Amtsblatt der Europäischen Union trat ein weiterer Baustein für die künftige Ausweitung der europaweiten Meldungsanforderungen zutage. Was zunächst als künftiger Ersatz der Millionenkreditmeldung erschien, stellt sich als Übergabe beinahe aller kreditbehafteten Transaktionen mitsamt ihren Kerninformationen an die EZB dar.

Die Schaffung eines zentralen europäischen Kreditregisters

KÖLN, 11.5.2015. Die Europäische Zentralbank veröffentlichte im März 2014 den im davorliegenden Februar gefassten „Beschlusses über die Organisation von Vorbereitungsmaßnahmen für die Erhebung von granularen Daten zu Krediten durch das Europäische System der Zentralbanken“. In diesem Beschluss werden einerseits die langfristige Schaffung einer gemeinsamen granularen Kreditdatenbank sowie andererseits eine Vorbereitungsperiode bis zur Schaffung dieser Datenbank angekündigt. Innerhalb dieser Vorbereitungsperiode sind die nationalen Zentralbanken angehalten, aus ihren nationalen Kreditregistern granulare Daten an die EZB zu liefern.

Zielsetzung
Die Sammlung der granularen Kreditarten soll einerseits für die Schaffung von neuen Statistiken zur Verfügung stehen sowie andererseits die Qualität von bereits bestehenden Statistiken verbessern. Beides diene dazu, so der Beschluss, die Erfüllung der Aufgaben des Eurosystems zu unterstützen, darunter subsummiert die geldpolitische Analyse, das Risikomanagement, die Finanzstabilität, die Unterstützung bei der Bankenaufsicht sowie die Stabilität des gesamten Finanzsystems der Eurozone. Vor diesem Hintergrund wurde seitens der EZB nun das Projekt Analytical Credit Dataset („AnaCredit“) ins Leben gerufen.

Zeitplan bislang
Der Ursprung des Projekts ist auf das Jahr 2012 zurückzuführen. Hier erhielt die Joint Task Force on Credit Registers des ESZB den Auftrag zur

  • • Identifizierung von Informationen, die die Nutzer (die nationalen Zentralbanken und die EZB)benötigen, wie beispielsweise Datenattribute, Harmonisierungsgrad der Definitionen oder Methoden,
  • • Erwägung der rechtlichen Aspekte, die im Rahmen dieses Projekts entstehen werden sowie zur
  • • Identifizierung der zu meldenden Rechtsgebilde, der zu meldenden Kredite und der Verbindungen zu anderen Datenquellen, wie Mikrokredit-Datenbanken und Unternehmensregistern (Register of Institutions and Affiliates Database – RIAD, Securities Holdings Statistics Database – SHSDB, Centralised Securities Database – CSDB).

In 2013 erhielt die Joint Task Force on Analytical Credit Datasets (JTF) schließlich den Auftrag, eine granulare Kreditdatenbank bei der EZB aufzubauen, die zunächst (nach entsprechender Anpassung bzw. dem Aufbau) aus den nationalen Kreditregistern gespeist werden soll. Aufgrund des erwähnten Beschlusses EZB/2014/6 soll die Befüllung nach einem einheitlichen Schema durch die nationalen Zentralbanken erfolgen.

In diesem Zusammenhang schrieb die Bundesbank Anfang Mai 2014 ausgewählte Institute und Rechenzentren von Institutsgruppen an mit der Aufforderung, eine Kosten-Nutzen-Analyse vorzunehmen (Cost Assessment). Die Basis stellten einerseits ein Fragebogen sowie andererseits eine Liste mit insgesamt 108 Datenattributen dar. Es sollte eruiert werden, inwieweit die neuen Anforderungen umsetzbar sind und welche Kosten damit voraussichtlich verbunden sein dürften. Die zu diesem Zeitpunkt ersichtlichen Datenanforderungen stellten nur einen ersten vorsichtigen Schritt der ESZB dar. Anfang März 2015 wurde seitens der Bundesbank bei einem Informationsaustausch mit ausgewählten Instituten eine überarbeitete Datenfeldliste mit 147 Attributen als derzeit aktueller Stand der Diskussion vorgestellt. Zu diesem Termin stellten die Vertreter der Bundesbank den weiteren Zeitplan der EZB vor, der inzwischen aktualisiert wurde.

Voraussichtlicher Zeitplan bis zum Inkrafttreten
Im Juli wird die Billigung der AnaCredit-Verordnung durch den EZB-Rat und bis Ende September die Veröffentlichung der Verordnung erwartet. Inkrafttreten soll sie unmittelbar im Oktober dieses Jahres. Die Anwendung der Verordnung erfolgt nicht vor Mitte 2017, wobei die Anwendung selbst in drei Phasen erfolgt, um die entstehenden Einführungsaufwände bei den Meldepflichtigen über die Zeit zu verteilen. Die rechtliche Grundlage würde dann knapp zwei Jahre vor der Phase I per 1. Juli 2017 zur Verfügung stehen. Vor dem Hintergrund anderer Regulierungsvorhaben ist jedoch damit zu rechnen, dass im Zeitverlauf weitere Anpassungen oder Ergänzungen vorgenommen werden.

Phasenweises Inkrafttreten
Die einzubeziehenden Kreditnehmer sind festgelegt:

  • • finanzielle Unternehmen,
  • • nichtfinanzielle Unternehmen,
  • • die öffentliche Hand,
  • • Einzelunternehmer und Einzelkaufleute sowie
  • • private Haushalte.

Die erste Phase, beginnend ab 1. Juli 2017, verpflichtet sämtliche Kreditinstitute inklusive aller Filialen sowie andere Einrichtungen, die Einlagen entgegen­nehmen, zur Meldung ihrer Geschäfte mit finanziellen und nichtfinanziellen Unternehmen und der öffentlichen Hand. Abhängig von einer Meldeschwelle sind nach deren Überschreitung sämtliche Kredite eines Kreditnehmers zu melden. In der ersten Phase wird voraussichtlich eine Regelung gültig sein, die kleineren Instituten mehr Zeit für die Implementierung geben wird.

In der Phase II, ab Mitte 2019, werden die Meldungen der Institute, die der Aufsicht der EZB unterliegen um eine konsolidierte Gruppenmeldung erweitert. Die Phase III soll ab Mitte 2020 beginnen und wird einen deutlich größeren Kreis an meldepflichtigen Kreditgebern umfassen. Es ist davon auszugehen, dass unter anderem die einzelnen nationalen Zentralbanken, Geldmarktfonds, Investmentfonds, Versicherungen und Altersvorsorgeeinrichtungen hinzukommen. Auch werden Einzelunternehmer, Kaufleute und die Wohnbaufinanzierungen von privaten Haushalten ab Phase III zu meldepflichtigen Kreditnehmern. Die Meldeschwelle wird erneut überprüft, wobei eher nicht von einer Anhebung, sondern gegebenfalls von einer Absenkung des Schwellenbetrages auszugehen ist.

Rahmen der Meldung
Die Meldung umfasst bei Erreichen der Meldeschwelle pro Kreditnehmer die Lieferung jedes einzelnen Kreditdatensatzes („Loan by Loan-Ansatz“) mit den nach AnaCredit geforderten Feldinformationen. Die Meldeschwelle, ab der die einzelnen Geschäfte von der meldepflichtigen an die EZB zu übertragen sind, beträgt 25.000 € pro Kreditnehmer, d.h. sobald ein Kreditnehmer diese Grenze überschreitet, sind sämtliche Geschäfte mit diesem Kreditnehmer zu melden. Offen ist dabei noch, ob dabei nur die für AnaCredit relevanten Geschäfte oder alle betrachtet werden. Für die Phase III, wohl ab Mitte 2020, ist eine weitere Absenkung der Meldegrenze möglich. Im Falle von „leistungsgestörten oder wertgeminderten“ Krediten gilt eine Schwelle von 100 € pro Kreditnehmer. Unter „Geschäft“ wird verstanden: Buchkredite, eigene Einlagen, soweit sie Aktiva darstellen, Derivate, außerbilanzielle Geschäfte (Linien, Garantien, Bürgschaften sowie alle Finanzinstrumente, die kreditrisikobehaftet sind und nicht im Rahmen der Statistik über Wertpapierinvestments (siehe Richtlinien der Bundesbank vom Dezember 2014) bereits gemeldet werden. Bestimmte Stammdateninformationen sind einmalig und bei Änderung zu melden. Quartalsweise sollen bestimmte Attribute, wie Änderungen des Fair Value oder kumulierte Wertminderungen, gemeldet werden. Alle anderen Attribute sollen monatlich gemeldet werden.  Die Meldung soll 30 Werktage nach dem Stichtag einzureichen sein, bestimmte Daten gegebenenfalls nach 41 Tagen (bzw. nach Vorgaben eines ITS). Alle Informationen sind nicht-anonymisiert zu melden. Durch die Bundesbank erfolgt eine (für Einzelunternehmer, Einzelkaufleute und private Haushalte anonymisierte) Weiterleitung der Daten an die EZB.

Inhalt/Attribute der Meldung
Die letzte Version der Datenanforderung seitens der EZB umfasst insgesamt 147 Datenfelder, die je nach Relevanz für jeden Kredit separat zu interpretieren und zu liefern sind. Dabei lassen sich die Anforderungen grob klassifizieren in

  • • Angaben zum Kreditgeber,
  • • Angaben zum Kreditnehmer,
  • • Angaben zum Geschäft,
  • • Angaben zum Sicherungsgeber,
  • • Angaben zum Sicherungsgegenstand sowie
  • • Angaben, um gemeinschaftliche Ausleihungen und Schuldverhältnisse zu erkennen.


Kritik
Eine internationale eindeutige Identifikationsnummer für Kreditnehmer ist derzeit in Einführung. Der Wunsch der Aufsicht ist es, hierfür den Legal Entity Identifier („LEI“) zu verwenden, dessen Abdeckung jedoch erst noch mit der Zeit wachsen müsste, um valide Zusammenführungen der Daten zu gewährleisten. Bei den SSM-Banken ist es heute bereits Pflicht, den LEI anzugeben. Allerdings ist der LEI nur für juristische Personen verfügbar und verursacht bei der Vergabe und jährlichen Verlängerung Kosten für den Kreditnehmer. Es wird auch noch ein Multi-ID-System diskutiert, d. h. dass außer dem LEI auch andere Identifikationsnummern, wie HR-Nummer und Registergericht, verwendet werden. Für Privatpersonen existieren solche Lösungen bislang nicht. Aufgrund der Tatsache, dass die Bundesbank die Daten von Privatpersonen in anonymisierter Form an die EZB übermitteln wird, kann angenommen werden, dass auf europäischer Ebene die Zusammenführung von deren Daten  derzeit nicht geplant ist. Bei den zu meldenden persönlichen Daten dürfte die Einbeziehung der Höhe des Jahreseinkommens gemäß der letzten Einkommenssteuererklärung nicht nur die Verfügbarkeit, sondern auch rechtliche Fragen des Datenschutzes Schwierigkeiten ergeben.

Die Angaben zum Kontrahenten er­fordern neben trivialen Daten, wie vollständige Adresse oder Wirtschaftssektor, auch Informationen dazu, ob eine Insolvenz vorliegt oder ein Konkursverfahren eröffnet wurde. Es ist fraglich, ob die Institute bislang diese Informationen zentral ablegen und für die nachfolgenden Systeme auswertbar bereithalten. Sofern, und davon ist auszugehen, bereits Rechtsmittel gegen Kontrahenten im Einsatz sind, müssten diese Informationen zusätzlich mit großem Aufwand erfasst ­werden. Die voraussichtliche Pflichtangabe der kumulierten Zahlungen seit Ausfall des Kreditnehmers ist eine weitere Datenanforderung, welche bislang wohl die meisten Institute vor ähnliche Probleme stellen wird.

Eine weitere Anforderung ist es, sowohl bewilligte als auch abgelehnte Kredite zu melden. Bei Letzteren muss gemeldet werden, ob der Kredit nicht zustande kam, weil der Antragsteller den Konditionen nicht zugestimmt hat, oder ob die Ablehnung aufgrund schlechter Bonität durch das Institut zustande kam. Da im Normalfall abgelehnte Kredite nicht im zentralen Datenhaushalt vorgehalten werden, sind die Kreditprozesse zu überarbeiten und anzupassen. Neben sämtlichen Risikoparametern zur Ermittlung der Eigenkapitalunterlegung gemäß den Solvenzvorschriften der CRR sind auch umfangreiche Angaben zu den vorliegenden Kreditrisikominderungstechniken bei einem Kredit zu übermitteln. Bei den hereingenommenen Sicherheiten sind zudem noch regelmäßig die Art und Weise der letzten Bewertung der Sicherheit(en) anzugeben sowie das letzte Bewertungsdatum. Dadurch wird die Einhaltung der regelmäßigen Bewertung der Immobiliensicherheiten transparent. (...)
 
[Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Fachzeitschrift RISIKO MANAGER 10/2015. Die Ausgabe ist ab dem 13. Mai 2015 lieferbar und kann auch einzeln bezogen werden.]

Autoren
Falko Döring, Senior Manager, SKS Unternehmensberatung GmbH & Co. KG, Bereich Regulatory Advisory.
Tilman Walther, Managing Consultant, SKS Unternehmensberatung GmbH & Co. KG, Bereich Regulatory Advisory.

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