Deutschland könnte stärkstes IPO-Jahr seit 2000 erleben

-
26. September 2018
-
Von Olaf Ridder

302 Unternehmen haben im dritten Quartal weltweit den Gang an die Börse gewagt. Das ist nach einer Studie von EY der geringste Wert seit zwei Jahren und gut ein Fünftel weniger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Allerdings sammelten die Börsenneulinge dabei 9 Prozent mehr frisches Geld ein als vor Jahresfrist, nämlich 47,1 Mrd. US-Dollar. Vornehmlich in Hongkong und den USA wuchs das Emissionsvolumen dabei rasant. An Europa ging der Börsenboom dagegen zuletzt vorbei. Nur jeder zehnte Börsengang von Juli bis September fand auf dem alten Kontinent statt, das Emissionsvolumen schrumpfte um 91 Prozent auf ganze 1,1 Mrd. Euro. In Deutschland gab es mit Creditshelf sogar nur eine einzige Erstnotiz. Gleichwohl, so die Autoren der Studie, stehen die Chancen gut, dass der deutsche Finanzmarkt das stärkste IPO-Jahr seit dem Dotcom-Hoch von 2000 erlebt.

15 Transaktionen gingen seit Jahresbeginn hierzulande bisher über die Bühne – ganze acht waren es im Vorjahr zum gleichen Zeitraum gewesen, 14 im Gesamtjahr. Das Emissionsvolumen stieg um deutlich mehr als das Doppelte auf 8,9 Mrd. Euro und sicherte der Deutschen Börse in dieser Kategorie Rang fünf unter den Finanzplätzen der Welt. Dafür hat nicht zuletzt Siemens Healthineers gesorgt, die Medizintechnik des Münchner Technologiekonzerns absolvierte laut EY bislang den drittgrößten Neustart in diesem Jahr überhaupt. IPO-Experte Martin Steinbach sieht angesichts des hohen Bewertungsniveaus am Finanzmarkt und der noch immer starken Konjunktur gute Chancen, "dass wir einen Jahresendspurt auf dem deutschen IPO Markt sehen werden". Das Fenster für Börsengänge sei derzeit "geöffnet", sagte er. Mindestens viermal noch dürfte die Börsenglocke in diesem Jahr in Frankfurt geläutet werden.

Es könnte sogar noch mehr Geklingel werden: Fünf Unternehmen, darunter zwei große Adressen, haben dieser Tage schon verkündet, dass sie 2018 noch aufs Parkett wollen. Und ein halbes Dutzend weiterer Aspiranten für den Herbst haben Beobachter noch auf dem Zettel. Den Auftakt in Deutschland macht am 2. Oktober der Elektroroller-Hersteller Govecs mit einem Emissionsvolumen von bis zu 90 Mio. Euro. 120 Mio. Euro möchte die Rocket-Internet-Beteiligung Westwing einsammeln, ein Online-Händler für Möbel und Einrichtungsgegenstände. Auf 250 Mio. Euro lautet die Ansage von Primepulse, eine Firma aus München, die sich an Tech-Unternehmen beteiligt.

Überdies stehen die Banken mit zwei Milliardenemissionen in den Startlöchern. Die eine ist der Fahrzeugzulieferer Knorr-Bremse, wo Mehrheitsaktionär Heinz Hermann Thiele und seine Familie Kasse machen wollen. Insider sprachen bereits von Aktien für 4 Mrd. Euro, die auf den Markt kommen könnten. Bis zu 1 Mrd. Euro schwer könnte die Platzierung von Exyte werden. Das Unternehmen aus Stuttgart ist besser bekannt unter dem Kürzel M+W, mit dem es bis vor kurzem unterwegs war. Die einstige Tochter von Jenoptik hat sich auf die Reinraumanlagen für Chiphersteller spezialisiert und Kunden wie Infineon oder Micron, deren Geschäfte ziemlich gut laufen.

Vor dem Hintergrund des bevorstehenden Brexit und dem sich zuspitzenden Handelskonflikt zwischen den USA und China spricht Steinbach von einem "bemerkenswert starken IPO-Jahr" 2018. Ähnlich gut wie in Deutschland dürfte es nach Einschätzung von EY in den USA zum Jahresende laufen. Viel Geld fließe zurück aus den Schwellenländern. In Asien dürfte das IPO-Volumen sich dagegen rückläufig entwickeln, und der wichtige britische Markt leide unter den Unwägbarkeiten des Austritts aus der Europäischen Union. Seit Jahresbeginn ging das Volumen der Neuemissionen in London um 30 Prozent zurück. Allerdings: Mit bisher 37 ist ihre Zahl dennoch schon jetzt höher als sie in Frankfurt auch bei einem heißen Herbst maximal werden kann. (DJN) 

Bildquelle: ©BraunS | istockphoto.com