Disput über die Finalisierung des Baseler Regelwerks

ERM
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08. Januar 2018
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Von J. Orgeldinger

Im Januar 2016 veröffentlichte das Basel Komitee die neuen Standards zu Mindestkapitalanforderungen für das Marktrisiko [Minimum capital requirements for market risk, BCBS 2016b]. Hierin wurde die Abgrenzung zwischen Handels- und Anlagebuch mit dem Ziel der Objektivierung und der Begrenzung der Möglichkeiten der regulatorischen Arbitrage aufgearbeitet [vgl. auch BCBS 2016a]. Wesentliche Änderungen sind die Einführung eines revidierten Standardansatzes für das Marktrisiko, das auf Preissensitivitäten und den Austausch der Risikokennzahl VaR durch den Expected Shortfall mit einem 7,5 Prozent Perzentil [vgl. KPMG Canada 2016] abzielt. Des weiteren erwähnt ist eine differenzierte Berücksichtigung von Aspekten der Marktliquidität in der Risikoberechnung durch die Zuordnung der Instrumente zu Liquiditätshorizonten und die Berechnung von Kapitalaufschlägen für Finanzinstrumente, die in Stresszeiten einem erhöhten Illiquiditätsrisiko ausgesetzt sind. Kapitalzuschläge mit Berücksichtigung von Risikokennzahlen, die entweder durch das standardisierte oder das interne Modell berechnet wurden, sind transparent darzustellen. Ein striktes Backtesting pro Handelstisch wird für alle Institute gefordert, die mit dem internen Modell [IMA] arbeiten. Werden diese Validierungsvorgaben nicht eingehalten, muss der revidierte Standardansatz mit einem höheren Kapitalzuschlag angewendet werden. Alle Finanzinstitutionen, unabhängig von Größe und Komplexität, müssen den Standardansatz anwenden. Neue Szenariovorgaben werden die Handelslimite, die Riskotragfähigkeit und den Arbeitsaufwand der Finanz­institutionen signifikant prägen. In diesem Artikel werden die wesentlichen Neuerungen kritisch beleuchtet. Nach einer kurzen Unterscheidung von Handels- und Bankbuch, werden die beiden vom Regulator vorgeschlagenen Marktrisikomodelle revidierter Standardansatz und IMA [Internal models approach]-Modell detailliert vorgestellt, diskutiert und Meinungen aus der Finanzbranche dargestellt.

Handelsbuch vs. Bankbuch

Die Minimalanforderungen führen neue Kriterien zur Zuordnung von Positionen in das Handelsbuch ein. Die Abgrenzung zwischen Bank- und Handelsbuch soll so angepasst werden, dass eine objektivere Positionszuordnung möglich ist. Positionen dürfen zum Zwecke des kurzfristigen Wiederverkaufs gehalten werden, um kurzfristige Preisunterschiede ausnutzen zu können, um Arbi­tragegewinne zu erzielen oder um die Risiken aus einer der vorstehenden Positionen abzusichern. Positionen, die die vorgeschriebenen Kriterien nicht erfüllen, sind dem Bankbuch zuzuordnen.

Es könnte schwierig werden zwischen den Instrumenten zu unterscheiden, die dem Handelsbuch zugewiesen werden und denjenigen, die dem Bankbuch zuzuordnen sind – jedenfalls wird es in den Banken zu einer höheren Bürokratie führen. Die Aufsicht muss dann prüfen, ob die Aufteilung der Handelstische ausreichend granular ist und alle Überwachungsanforderungen erfüllt sind. Die vorgeschlagenen Veränderungen könnten größeres zusätzliches Geschäft im Handelsbuch bedeuten, sodass auch kleinere Institute ein Handelsbuch einführen müssen. Das Basel Komitee sollte exakte Vorgaben machen, wie Derivative in Bankbuchpositionen Berücksichtigung finden. Die Einführung von internen Modellen auf Tischbasis könnte zu ungleichen Kapitalanforderungen für identische Produkte führen und den Arbeitsaufwand für Aufsicht und Finanzinstitute erheblich vergrößern.

Modellbestimmung – Revidiertes Standardmodell SA oder internes Modell IMA

Die neuen Anforderungen für das revidierte Standardmodell SA führen neue Preissensitivitäten für das Marktrisiko ein. Diese können von allen Instituten verwendet werden. Institute müssen ein striktes Risikomanagementsystem installieren, um übergroße Intraday Beanspruchungen zu verhindern. Sollte eine Bank diese Anforderungen verletzen, wird die nationale Aufsicht sofort Maßnahmen einleiten, um die Kapitalvorgaben zu erfüllen. Die Berechnungsmethode dazu ist komplexer als die alte.

Revidierter Standardansatz

Der revidierte Standardansatz basiert auf bankeigenen Schätzungen der Preissensitivitäten eines jeden Risikofaktors [vgl. Christensen/Hansen 2014]. Im revidierten Standardansatz werden lineare und nichtlineare Risiken beschrieben. Dabei werden die Gewichte für das allgemeine Zins-, Währungsrisiko, Optionsvega und alle Renditespannen [credit spreads] erhöht. Außerdem wird eine Deckelung für den Fair value der Kapitalprämie von Verbriefungen eingeführt. 

Das Deltarisiko beschreibt eine Preisänderung [1bp oder 1Prozent] eines zugrunde liegenden Finanzinstruments, das in fünf Risikoklassen eingeteilt werden kann: Zinsen, Aktien- und Wechselkurse, Renditespannen und Rohstoffpreise. Das Vega einer Option gibt an, wie stark sich der Wert der Option ändert, wenn sich die Volatilität des Basiswerts um einen Prozentpunkt ändert und alle übrigen Größen konstant bleiben. Das Delta und Vegarisiko aller Risikoklassen basiert auf interne nSchätzungen von Sensitivitäten. Das Delta GIRR [Allgemeines Zinsrisiko] wird durch eine 1bp Verschiebung  bestimmt. Das Gamma-Risiko wird in BCBS 352 als „Curvature Risk“ bezeichnet. Das „Curvature Risk“ misst die Sensitivität bezüglich einer Veränderung des Delta-Risikos des zugrunde liegenden Risikofaktors. Die Ausfallrisikoprämie wird für Schulden und Eigenkapitalinstrumente mit dem Fair Value, abzüglich dem erwarteten Verlust [Loss given default = LGD], angesetzt. Die Prämie für das Residualrisiko ist das Rest­risiko des Nennwerts des zugrunde liegenden Finanzinstruments multipliziert  mit 1,0 Prozent Risikogewicht bei exotischen Optionen und 0,1 Prozent für alle übrigen. 

Die Kosten für Aufbau und Wartung eines internen Standardmodells sind sehr hoch und erfordern einen umfassenden Genehmigungsprozess. Die Finanzbranche fordert vom Standardansatz eine größere Realitätsnähe und Risikosensitivität, um wirklich als Benchmark und Reserve­system einsetzbar zu sein. Außerdem muss es möglich sein, interne Modelle infrage zu stellen, sollten sie signifikant geringe Kapitalanforderungen zeigen. Gemäß den Kommentaren aus der Bankenbranche soll die asymmetrische Korrelationsbetrachtung aufgegeben werden, um sowohl den revidierten Standardansatz zu vereinfachen als auch die Risikosensitivität zu erhöhen. Die Kapitalanforderungen für Verbriefungen erscheinen unangemessen hoch, so Vertreter der Branche. Der revidierte Standardansatz könnte die Emmisionskosten und Finanzierung von Verbriefungstransaktionen erhöhen sowie die Liquidität im Sekundärmarkt wegen erhöhter Kapitalkosten senken. Doppelzählungen erscheinen, wegen der Überschneidung von historischen Renditespannen und größer werdenden Ausfallerwartungen, möglich. Ein vorgeschlagenes Cashflow-Modell führt zu erhöhtem Implementierungsrisiko [vgl. Sornette 2012].

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[Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Fachzeitschrift RISIKO MANAGER 01/2018. Die Ausgabe ist seit dem 01. Dezember 2017 lieferbar und kann auch einzeln bezogen werden.]

Autor:

Dipl.-Kfm. (Univ.) Dr. J. Orgeldinger M.B.A. (UK) CVA AVA CMAP MAFF CFFA (USA)

Artikelbild: ©FangXiaNuo - iStockphoto.com