Firmen überdenken wegen Brexit Londoner Finanzkontrakte

ERM
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16. Oktober 2018
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Von Nina Trentmann

Europäische Konzerne könnten wegen des Brexit gezwungen sein, Finanzinstrumente im Wert mehrerer Milliarden Euro von Großbritannien auf den Kontinent zu transferieren. Der als Repapering bekannte Prozess könnte für syndizierte Kredite, Währungsswaps und andere Derivate, die von EU-basierten Firmen getätigt und durch Banken auf der Insel gebucht wurden, vonnöten werden.

Abhängig vom Verlauf der Brexit-Verhandlungen könnten Regulierungen, die derzeit für die City of London gelten, auf einen Schlag ab März 2019 außer Kraft treten. Das wiederum könnte den Transfer Tausender Finanzprodukte auf eine EU-basierte Finanzgruppe erforderlich machen. Managern, deren Nerven bereits wegen des ungewissen Brexit-Ausgangs blank liegen, könnte damit eine Unmenge Papierkram bevorstehen – und zusätzliche Kosten. Finanzchefs würden bereits ausloten, was der Brexit für die Finanzierungsarrangements bedeutet, berichtet Stefan Behr von JP Morgan. Es seien "Tausende und Tausende" von Finanzkontrakten potenziell betroffen. 

Am Ende stehen Summen im Raum von 2,4 Bio. Euro für Kredite, Wertpapiere und Derivate, die auf Banken in der EU umgeschichtet werden müssen, schätzt die Boston Consulting Group. Rund 68 Prozent des gesamten Handels in der City werde im Auftrag von Klienten getätigt, darunter Firmenkunden aus EU-Staaten.

Unterhändler der Briten und der EU feilen weiterhin an einem Trennungsabkommen, das die Bedingungen für den Brexit festklopfen und die Regeln für Finanzdienstleistungen festschreiben würde. Ohne eine solche Lösung stünden Finanzchefs, Anwälte und Berater komplett ohne Antworten auf die Frage da, ob die Finanzinstrumente abgewandelt werden müssen.

Deutsche Bahn massiv betroffen

Ein Gipfel beider Seiten am Wochenende brachte keinen Durchbruch, was die Chancen auf eine Einigung in dieser Woche auf dem EU-Brexit-Treffen schmälert. Die Bank of England appellierte in diesem Monat bereits an die EU, Schritte zu unternehmen, damit Finanzkontrakte auch nach dem Brexit noch Gültigkeit behielten, um zusätzliche Kosten für Banken und Unternehmen zu vermeiden.

Die Deutsche Bahn gehört zu den Firmen, die ihre London-basierten Finanzinstrumente neu bewerten. Das Unternehmen verfügt über Zins- und Devisenswaps in Gesamthöhe von 5,5 Mrd. Euro, wovon ein Teil durch London gebucht wurde. Unklar bleibt, ob die existierenden Derivate von einer Bank in Großbritannien auf eine EU-basierte Bank umgeschichtet werden können, ohne die Hedging-Rechnung der Deutschen Bahn zu beeinflussen, wie Finanzchef Wolfgang Bohner erläutert. Noch warte der Konzern auf eine endgültige Antwort seiner Prüfer.

Damit verbunden ist die Frage, ob bestehende Kontrakte neu geschrieben oder dupliziert werden müssen. Möglich ist auch, dass die Änderungen nur für künftige Instrumente gelten. Bohner klagt bereits über ein hohes Maß an bürokratischem Aufwand, der Monate brauchen könnte. Noch habe die Bahn keine Änderungen vorgenommen, lote aber die eigenen Optionen aus.

Die Zeit wird jedenfalls langsam knapp. Ein Abkommen muss vor Ablauf der Brexit-Frist im Frühjahr 2019 von britischer Seite und vom EU-Parlament ratifiziert werden. Für Unternehmen geht die Hängepartie derweil weiter, zumindest solange sie nicht wissen, ob die Briten am Ende einen äquivalenten Status von der EU eingeräumt bekommen. Dieses Szenario würde weniger Änderungen erfordern und mit einer Übergangsphase einhergehen, um massive Störungen zu vermeiden.

Hoffnung auf ein EU-Äquivalenz-Arrangement

Gemäß einem EU-Äquivalenz-Arrangement können Finanzfirmen von außerhalb der EU eine begrenzte Auswahl von Diensten EU-Kunden bereitstellen, zumindest solange die Heimat-Finanzregulierung in etwa der der EU entspricht. Im Vergleich zu heute hätten die Banken von der Insel dann aber trotzdem weniger Möglichkeiten, Geschäfte auf dem Kontinent zu betreiben. Um den Status Quo zu halten, müssten die Briten im Gemeinsamen Markt bleiben. Das schloss Premierministerin Theresa May aber immer wieder aus. Sie will nur beim Güterhandel, aber nicht bei Dienstleistungen, im Gemeinsamen Markt verbleiben. (DJN) 

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