Konjunkturprognosen bergen Risiko von Fehlallokationen

-
25. Januar 2013
-
Von Stefan Hirschmann

Tempo mäßig, Entwicklung uneinheitlich, Risiken groß ? so lassen sich die globalen Perspektiven für das laufende Jahr aus Sicht der Deutschen Bundesbank zusammenfassen. Die Schuldenkrise ist noch längst nicht überwunden, die geopolitischen Risiken bei weitem noch nicht unter Kontrolle. "Gleichwohl zeigen die extremen monetären Impulse mittlerweile ihre Wirkung", sagt Norbert Matysik (Foto), Präsident der Deutschen Bundesbank in Nordrhein-Westfalen.

DÜSSELDORF, 24.1.2013. Tempo mäßig, Entwicklung uneinheitlich, Risiken groß ? so lassen sich die globalen Perspektiven für das laufende Jahr aus Sicht der Deutschen Bundesbank zusammenfassen. Die Schuldenkrise ist noch längst nicht überwunden, die geopolitischen Risiken bei weitem noch nicht unter Kontrolle. "Gleichwohl zeigen die extremen monetären Impulse mittlerweile ihre Wirkung", sagt Norbert Matysik (Foto), Präsident der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Nordrhein-Westfalen. Insbesondere in den USA sei die Konsolidierung der öffentlichen Finanzen äußerst dringlich, aber auch in Europa seien Länder- und Konjunkturrisiken zu konstatieren. Die Staatsschuldenkrise sei kein monetäres Phänomen. Tiefgreifende Reformen müssten auch in Europa zwingend fortgesetzt werden. Die Nachfrage aus der EWU und dem Inland befänden sich im Sinkflug, obschon die prognostizierten Auftragseingänge zumindest die deutsche Wirtschaft derzeit noch stütze. Frühindikatoren deuten derzeit auf eine konjunkturelle Erholung im Frühjahr 2013, so Matysik vor Mitgliedern des Düsseldorfer Finanz Forums. Gleichwohl sei die Staatsschulden- und Wirtschaftsstrukturkrise in vielen europäischen Ländern noch nicht ausgestanden.

Auch der Kreditversicherer Coface sieht das Jahr 2013 noch ganz im Zeichen der Krise in Europa. Für viele Unternehmen werde es auf absehbare Zeit nicht einfacher, meint Coface-CEO Jean-Marc Pillu. Öffentliche und private Verschuldung lasten auf den Industrieländern und erschweren eine baldige Erholung. Angesichts der sich zuspitzenden Lage auf den Arbeitsmärkten und nicht abgeschlossener institutioneller Reformen in Europa kehrt das Vertrauen nur langsam zurück. Die Unberechenbarkeit in der US-Haushaltspolitik wirkt sich auf das Wachstum in den USA aus. Laut Coface wird es 2013 auf 1,5 Prozent zurückgehen. In der Eurozone rechnet der internationale Kreditversicherer mit einer anhaltenden Rezession von 0,1 Prozent und mit einem weiteren Rückgang der Wirtschaftsleistung in Südeuropa. Die Schwellenländer sollten hingegen ein stabiles Wachstum von 5,2 Prozent erreichen. ?Die Wahrscheinlichkeit einer Systemkrise in Europa nimmt immer mehr ab, das ist die gute Nachricht. Doch die Konjunktur in der Eurozone wird auch 2013 weiter erlahmen. Verhaltener Konsum, bevorzugtes Sparen, ein rückläufiger Arbeitsmarkt sowie Unternehmen, die durch die Krise von 2009 stark angeschlagen sind, führten bereits zu vielen auch kostspieligen Insolvenzen. Zugegebenermaßen steht die Finanzkrise kurz vor ihrer Überwindung, doch die Krise in der Realwirtschaft wird 2013 längst nicht beendet sein. Dies zeigt sich in der anhaltenden Unsicherheit bei den Unternehmen?, so Pillu.

Wachstumsimpulse sieht die Deutsche Bundesbank primär in der Binnennachfrage. Zwar stehe ein Anstieg der Verbraucherpreise in Deutschland zu erwarten, auf der anderen Seite sei mit nachlassendem Preisdruck bei Öl und einem mäßigen Lohnkostendruck zu rechnen. Für die Banken bedeute dies eine gedämpfte Kreditnachfrage bei steigendem Wettbewerbsdruck, ein umkämpftes Einlagengeschäft sowie einer verstärkten Suche nach Rendite, die mit dem Risiko von Fehlallokationen und einer übermäßiger Risikobereitschaft einhergehe, so Notenbanker Matysik. Ziel der Aufsicht sei dagegen, riskante Geschäftsmodelle zu verhindern und das Vertrauen in den europäischen Bankensektor wieder zu stärken. Der Bonitätszusammenhang zwischen nationalen Bankensystemen und dem jeweiligen Staat solle durch die Bankenunion durchbrochen werden. Ungelöst ist jedoch die Gefahr, dass durch die Bankenunion nationale Risiken vergemeinschaftet werden. Zudem müsse ein Untergraben der Marktdisziplin verhindert werden. ¨Regierungen müssen sich ihrer Verantwortung stellen¨, sagt Matysik.

Optimismus macht sich dagegen mit Blick auf die Kapitalmärkte breit. ?Europäische Unternehmen kehren zurück zur alten Stärke?, sagt Karsten Stroh, Aktienexperte bei J.P. Morgan Asset Management. Vor allem das politische Umfeld habe sich wieder deutlich verbessert. ?Die EU-Mitgliedstaaten stehen heute enger zusammen als vor einem Jahr und auch die beherzt angegangenen Arbeitsmarkt- und Renten- aber auch Steuerreformen tragen erste Früchte?. Von großer Bedeutung für Stroh ist dabei, dass der Wille zu weiteren Sparmaßnahmen nach wie vor vorhanden bleibt. Einziger Wehrmutstropfen: Das insgesamt gering prognostizierte Wirtschaftswachstum für die europäischen Staaten, denn viele Unternehmen sind aufgrund ihrer internationalen Ausrichtung zunehmend unabhängig vom europäischen Konjunkturverlauf. Schon heute erwirtschaften sie knapp 50 Prozent ihrer Umsätze außerhalb ihres Heimatkontinents, Tendenz steigend. Insbesondere global ausgerichtete Blue-Chip-Titel profitieren zunehmend von ihren internationalen Handelsbeziehungen und gewinnen permanent Marktanteile in den Wachstumsregionen, den Emerging Markets, hinzu. Hinzu kommt, dass viele Firmen ihre Hausaufgaben gemacht und ihre Bilanzen aufpoliert haben. Deutlich wird dies insbesondere beim Blick auf den Verschuldungsgrad europäischer Unternehmen. Lag der durchschnittliche Verschuldungsgrad der im MSCI Europe gelisteten Unternehmen im Jahr 2008 noch bei 60 Prozent, hat sich dieser Berechnungen zufolge bis Ende 2012 auf 41 Prozent reduziert. Ein Nebeneffekt: Die Firmen sind unabhängiger von potenziellen Kreditgebern und können damit flexibler agieren.

Foto: Bernd Schaller (Bank-Verlag)