Kreditwirtschaft enttäuscht von EZB

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08. September 2017
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Von Andreas Kißler

Mit Enttäuschung und Kritik haben die kreditwirtschaftlichen Verbände die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) aufgenommen, ihren Kurs beizubehalten. Die wirtschaftliche Entwicklung in der Eurozone liefere keinen Grund mehr für die ultralockere Geldpolitik der Notenbank, erklärt der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), Georg Fahrenschon. "Die konjunkturelle Großwetterlage ruft nach einer geldpolitischen Wende", sagt er. Aber die EZB bliebe sowohl den Sparern als auch den Märkten Klarheit schuldig. Es wäre der richtige Zeitpunkt gewesen, einen konkreteren Fahrplan vorzulegen, wie die EZB die Anleihekäufe zurückfahren wolle, meinte Fahrenschon. Die konjunkturelle Besserung sei auch nach den Erwartungen des Eurosystems selbst inzwischen so gefestigt, "dass der Ausstieg aus den extremen Sondermaßnahmen zügig angegangen werden kann und muss". Nach Ansicht des DSGV sollte deshalb so bald wie möglich mit einer schrittweisen Normalisierung der Geldpolitik begonnen werden.

"Die Euro-Wächter haben vor der notwendigen Entscheidung, das Aufkaufprogramm im kommenden Jahr schrittweise zu beenden, heute einen weiteren Seitwärtsschritt eingelegt", erklärt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken, Michael Kemmer. Hintergrund sei offenbar die starke Aufwertung des Euro, die den Preisauftrieb im gemeinsamen Währungsraum vorübergehend etwas dämpfe. "Die EZB sollte die jüngste Wechselkursentwicklung nicht überbewerten", verlangt Kemmer aber. Die Euro-Entwicklung passe "zu einem allmählichen Normalisierungsprozess", dem sich die Geldpolitik in den kommenden Monaten anschließen sollte. Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) moniert, dass die Notenbank "den Ausstieg erneut auf die lange Bank" schiebe. "Uns allen ist wohl klar, dass die EZB langsam überzieht", kritisiert BVR-Präsident Uwe Fröhlich. Auch der Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB) fordert die EZB zum "Umsteuern" auf. "Trotz der robusten europäischen Konjunktur und einer stabilen Inflation wagt die EZB noch keine konkreten Schritte, um ihre ultra-lockere Geldpolitik zu beenden", erklärt Hauptgeschäftsführerin Iris Bethge. Dies zeige "deutlich das selbstgeschaffene Dilemma der EZB".

EZB soll Ende Oktober handeln
Die Banken erwarteten, dass die Zentralbank "behutsam, aber konsequent und transparent" die ultra-expansive Geldpolitik beende, sagt Bethge. "Die EZB muss umsteuern." Die gegenwärtige Geldpolitik habe nicht nur Nebenwirkungen für die Märkte, sondern auch für Sparer und die Kreditwirtschaft, warnt Bethge. Deshalb dürfe die EZB "nicht unnötig Zeit verschenken". Der Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Klaus Wiener, nennt es "bedauerlich, dass die EZB keinerlei Hinweise auf ein Ende der Anleihekäufe gibt", denn die erhofften positiven Effekte dieser Politik würden immer geringer. Besonders deutlich werde dies am Euro-Wechselkurs, der in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen sei, obwohl die EZB an ihrer aggressiven Politik festgehalten habe. Wiener rechnet aber "fest damit, dass der Schritt Ende Oktober erfolgt". Das Wachstum im Euroraum habe sich nicht nur weiter beschleunigt, es sei inzwischen auch regional sehr viel breiter angelegt, sagte er zur Begründung. Zudem bestehe keine Gefahr einer deflationären Entwicklung. "Die EZB arbeitet immer noch im Krisenmodus", konstatiert der Chefökonom der Versicherer. "Eine Krise liegt aber schon länger nicht mehr vor." Die EZB hatte ihre Leitzinsen sowie Monatsvolumen und vorläufige Dauer ihrer Anleihekäufe bestätigt und auch die Perspektiven für diese Ankäufe nicht geändert. In ihrem nach der aktuellen EZB-Ratssitzung veröffentlichten geldpolitischen Statement betonte die Notenbank ihre Bereitschaft, die Anleihekäufe nötigenfalls zeitlich auszudehnen und/oder zu erhöhen. (DJN) 

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