Mammutaufgabe CVA-Implementierung

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21. Juli 2011
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Von Stefan Hirschmann

Ein Ziel des neuen Baseler Regelwerks (Basel III) ist es u.a., möglichst alle Geschäftsrisiken einer Bank adäquat mit Eigenkapital zu unterlegen. Der in jüngerer Vergangenheit erfolgte Anstieg von OTC-Transaktionen in Derivaten hat das Kontrahentenausfallrisiko stärker in den Fokus rücken lassen. Das so genannte CVA-Risiko ist künftig ebenso mit Eigenkapital zu unterlegen wie das Kontrahentenausfallrisiko.

KÖLN, 20.7.2011. Der außerbörsliche Handel nicht standardisierter Over-the-Counter-Derivate trägt zwar zu einer Vervollständigung des Finanzmarktes, der Reduktion von Preisineffizienzen und einer effizienten Risikoallokation bei, hat aber vor allem im Gefolge der Finanzmarktkrise das Misstrauen der Aufseher erweckt. Die OTC-Märkte wurden nicht selten bei den Techniken zum Transfer von Kreditrisiken mittels Verbriefungen und Kreditderivaten von Marktteilnehmern missbraucht. In der Konsequenz kam es zu Fehleinschätzungen von Risiken, Mispricings sowie der Hinterlegung unzureichender Sicherheiten bzw. Kapitalreserven. Vor allem der Preis des Kontrahentenrisikos wurde oft nicht berücksichtigt und es wurde angenommen, dass große internationale Kreditinstitute "too big to fail" sind. Hohe Marktkonzentrationen und Interkonnektivität der Marktsegmente begründen nach Meinung der Regulatoren zudem systemische Risiken.

Im September 2009 wurde auf dem G-20-Treffen in Pittsburgh deshalb eine Reform der Märkte für OTC-Derivate beschlossen. Alle standardisierten Verträge über OTC-Derivate sollen bis Ende 2012 durch Central Counterparties (CCP) gecleart und an Börsen oder elektronischen Handelsplattformen gehandelt werden. Verträge über OTC-Derivate müssen künftig an Trade Repositories gemeldet werden. Nicht zentral geclearte Kontrakte sollen höhere Kapitalerfordernisse nach sich ziehen. Internationale Rechnungslegungsstandards verlangen die Anpassung der Bewertung von Derivaten um Kontrahentenausfallrisiken. Diese Anpassung, das sogenannte Credit Valuation Adjustment (CVA), ist daher sowohl ökonomisch als auch anhand relevanter Rechnungslegungsstandards motiviert. Banken haben bereits in vollem Umfang mit der Vorbereitung begonnen, denn auch Basel III wirkt in diesem Segment als Triebfeder. Ein Ziel des neuen Baseler Regelwerks ist es nämlich, möglichst alle Geschäftsrisiken einer Bank adäquat mit Eigenkapital zu unterlegen. Der in jüngerer Vergangenheit erfolgte Anstieg von OTC-Transaktionen in Derivaten hat das Kontrahentenausfallrisiko stärker in den Fokus rücken lassen. Das so genannte CVA-Risiko ist künftig ebenso mit Eigenkapital zu unterlegen wie das Kontrahentenausfallrisiko. ?In diesem Zusammenhang ist unter dem CVA-Risiko das Risiko zu verstehen, dass sich die Bonität des Kontrahenten verschlechtert und deshalb der Marktwert der Forderung sinkt?, erklärt  Thorsten Manns, Risikomanagement-Experte bei der Unternehmensberatung SKS. Die Bemessung des CVA-Risikos könne entweder nach der Standardmethode oder der fortgeschrittenen Methode erfolgen.

Bei der Standardmethode wird die Kapitalanforderung anhand von Risikogewichten festgelegt, die aus dem (internen oder externen) Rating des Kontrahenten abgeleitet werden. CVA Hedges (im Wesentlichen Single Name CDS und Index CDS) können nunmehr ?risikomindernd? berücksichtigt werden. Institute, die eine Genehmigung zur Nutzung der Internen Modelle Methode (IMM) sowie zur Bestimmung des besonderen Zinsrisikos im Rahmen eines internen Marktrisikomodells besitzen, haben hingegen pflichtweise die fortgeschrittene Methode zur Bemessung des CVA-Risikos anzuwenden. ?Dabei erfolgt die Modellierung auf Basis des gemäß IMM ermittelten Effektiven Exposures sowie der Auswirkungen einer Veränderung der Credit Spreads für alle OTC Derivate. Analog zur Standardmethode können CVA Hedges risikomindernd berücksichtigt werden?, so Risikomanager Manns.

Neben der Berechnung von CVA aus rein regulatorischer Sicht ist es an der Zeit, Kontrahentenrisikomanagement ernsthaft zu betreiben. "Der fast altertümliche MtM+Addon-Ansatz führt zu inkonsitenten Entscheidungen und nicht zuletzt zu unrealistisch hohen Exposureanschätzungen. Moderne Monte Carlo-simulationsbasierte Exposureberechnungen schaffen eine konsitente und glaubwürdige Exposuremessung. Sie geben den Instituten eine wirkliche Kontrolle", mahnt Dr. Sven Ludwig, Regional Director der Professional Risk Managers? International Association (PRMIA). Die Identifizierung von Wrong-Way-Risiken und die Ermittlung von CVAs seien bei dieser Methode fast gegeben. Ein so berechnetes CVA erlaube auch die zentrale Absicherung von Kontrahentenrisiken, so Ludwig.

?Grundsätzlich gibt es verschiedene Lösungen, wie ein CVA-Desk umgesetzt werden kann. Eine Möglichkeit ist der Weg über eine zentrale CVA-Funktion?, sagt Dr. Wolfgang Putschögl, Risikomanager bei der UniCredit Bank Austria, der maßgeblich am Aufbau des CVA Trading Desks der UniCredit Bank in London beteiligt ist. Typischerweise werden hier Kontrahentenrisiken identifiziert, beurteilt und überwacht, die aus dem Derivategeschäft resultieren. Ziel ist, sämtliche Kreditrisiken innerhalb des Konzerns zentral zu managen und das Risikoprofil sowie die Kosten zu optimieren. Der CVA Desk versteht sich deshalb häufig als interne Support-Einheit im Handel und dient nicht primär dazu, Profite zu maximieren. Nur wenige Investmentbanken haben bisher einen auf Profit ausgerichteten CVA Desk implementiert (siehe auch die Online-Umfrage zum Thema CVA auf Risiko-Manager.com).

Vor diesem Hintergrund ist auch nicht die bloße organisatorische Maßnahme der eigentliche Mehrwert. ?Der wichtigste Erfolgsfaktor ist die konzernweite Risikokultur?, so Matthias Schlüter (Foto), Head of Counterparty & Structured Risk Methodology bei der Commerzbank AG. Die Risikomanagementziele müssten von den betroffenen Mitarbeitern nachvollzogen werden können, so Schlüter vor Mitgliedern der PRMIA in Köln. Denn die Beurteilung des Risikomanagements als gutes oder schlechtes Instrument der Unternehmenssteuerung ist durchaus unterschiedlich, die Wahrnehmung ändert sich dabei entsprechend der Ausprägung der Risikokultur in einem Unternehmen. Die Risikokultur manifestiert sich in gewissen Grundwerten und -annahmen der gesamten Mitarbeiterschaft und strahlt ins gesamte Unternehmen aus. Eine gemeinsame, gezielt und permanent entwickelte Risikokultur erleichtert den Arbeitsprozess und das Management über den gesamten Wertschöpfungsprozess. Die Kultur allein kann zwar keine Kontrollen ersetzen, das formale Kontrollwerk aber ergänzen. Hiermit schließt sich der Kreis des Erneuerungsbedarfs im Kontrahentenrisiko.

 

Fotonachlese zum PRMIA-Kongress 2011 "CVA-Implementierung in Theorie und Praxis"

 

 

Präsentationen der Referenten:

<media 3761>Counterparty Risk and CVA
Dr. Oscar McCarthy, Strategic Risk Advisor, ABN Amro Markets</media>

 

<media 3769>Semi-analytischer Ansatz zur Implementierung
Dr. Christian Bree, Specialist Quantitative Credit Risk Management, RWE Supply & Trading GmbH</media>


<media 3765>Auf dem Weg zum CVA Desk ? Einblicke von der UniCredit
Dr. Wolfgang Putschoegl, Counterparty Risk Management & Analysis,  UniCredit </media>

<media 3763>CVA Ein internationaler Vergleich ? Der fachlichen Entscheidungsprozess auf dem Weg einer CVA Implementierung
Mario Schlener MA MBA, Head of Business Strategy and Development,  Navigant Capital Markets Advisers</media>


<media 3771>Dan Travers, Product Management, SunGard</media>


<media 3767>Interne Modelle, CVA, und regulatorische Überlegungen
Prof. Dr. Marcus Martin, Professor, FH Darmstadt</media>

 

<media 3759>Dr. Sven Ludwig, Regional Director, PRMIA </media>