OTC-Derivatemarkt: „Ein schönes Beispiel für regulatorische Risiken“

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09. Februar 2017

Die neuen Anforderungen an die Besicherung von ungeclearten OTC-Derivaten bilden den letzten Teil der EMIR-Umsetzung und werden den OTC-Derivatemarkt bis zum Ende des Jahrzehnts deutlich verändern. Für zahlreiche Marktteilnehmer stellt die kurzfristige Umsetzung der neuen Anforderungen bis zum 1. März 2017 eine erhebliche Anstrengung dar – insbesondere aufgrund zahlreicher rechtlicher, operativer und technischer Herausforderungen. Unsere Redaktion sprach am Rande des „4. Risk Central Clearing & Collateral Congress“, dem größten Branchentreffen der Derivatehändler in Köln, mit Dr. Silvio Andrae, Regulierungsexperte beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV), über den OTC-Derivatehandel bzw. -Clearing.

RISIKO MANAGER: Herr Dr. Andrae, US-Präsident Donald Trump hat eine Prüfung des Dodd-Frank-Act anordnet. Das Gesetz ist seit der Finanzkrise die Grundlage der Finanzmarktregulierung, an der sich Aufsichtsbehörden wie die Federal Reserve orientieren. Trump sagt, dass er diesen Regeln deutlich reduzieren will. Nun geht Deregulierung immer mit höheren Risiken einher. Was bedeutet dies für den OTC-Derivatehandel bzw. -Clearing?

Andrae: Es kommt wohl mit Blick auf den "Title 7" [Derivate-Abschnitt von Dodd Frank Act] maximal zu einer Überprüfung der Regelungen. Fragt man die mit dem Derivate-Handel in den USA vertrauten Personen, so stellen sie fest, dass einige Regelungen “overdesigned and overengineered" sind, aber im Wesentlichen machen die Regelungen im Derivate-Bereich schon Sinn. Eine Abschaltung oder ein Umschwenken auf alternative Verfahren würde zudem so kostspielig sein, dass die US-Banken in keinem Fall mitmachen würden. Zudem ist die Vernetzung des Derivate-Marktes durch das Electronic Trading derart stark, dass man das überhaupt nicht isolieren könnte.
Die Mängel des Dodd Frank Act liegen nicht im Derivate-Bereich, sondern in der weiterhin großen Zersplitterung der Überwachungsbehörden. Mit Blick auf den Swap-Markt gibt es immer noch zwei Behörden, die für die Überwachung verantwortlich sind: die Börsenaufsicht SEC und die Derivateaufsicht CFTC. Das ist ineffizient und wird sich auch durch die Dodd-Frank-Überprüfung nicht ändern. Zudem hat der US-Rechnungshof jüngst je nach Behörde unterschiedliche Swap-Regeln festgestellt. Es wären also eher die institutionellen Mängel zu kritisieren.

RISIKO MANAGER: Welche Implikationen hat der Brexit für den OTC-Derivatehandel bzw. -Clearing?

Andrae: Der Brexit hat Auswirkungen auf den Derivatehandel, denn London ist einer der größten Derivatemärkte. In einigen Kapitalmarktsegmenten werden bis zu drei Viertel aller EU-Geschäfte in London abgewickelt. Es sind besonders jene Derivategeschäfte betroffen, die in Euro gehandelt und in London bisher abgewickelt werden. Dass dies außerhalb des Euroraums erfolgt, wird heute schon von der Aufsicht kritisch beäugt. Mit dem Brexit verschärft sich diese Kritik. 
Beim Clearing und bei der Abwicklung von Kapitalmarktgeschäften nehmen britische Clearinggesellschaften innerhalb Europas eine dominante Position ein. Im Segment des OTC-Derivatehandels wird das Clearing für ca. 70 Prozent der in Euro denominierten Geschäfte von Firmen durchgeführt, die ihren Hauptsitz in Großbritannien haben. Der EU-Pass, der mit dem Brexit zur Disposition steht, ermöglicht es den Clearinghäusern, solche Post-Trade-Dienstleistungen überall in der EU anzubieten.

RISIKO MANAGER: Dies dürfte wohl ein Auslaufmodell sein, oder?

Andrae: Zweifellos, zudem wird die EZB Euro-Clearing-Geschäfte und Zentralverwahrung außerhalb der EU nicht mehr tolerieren; auch wenn die EZB vorerst beim EuGH gescheitert ist, in Euro denominiertes Clearinggeschäft in den Euroraum zurückzuholen. Doch auch wenn nun in der Eurozone die Chance gesehen wird, die derzeit in Großbritannien durchgeführten Clearing- und Abwicklungsgeschäfte im Umfang von ca. 1 Bill. US-$ zu übernehmen, ist es nicht ausgeschlossen, dass durch den Wegfall der wettbewerbsfähigsten Dienstleister die Handels- und Clearingkosten steigen werden. Dies wird auch Auswirkungen auf die Unternehmensfinanzierung haben. Deren Kosten werden ebenfalls steigen. Am stärksten werden solche Bereiche betroffen sein, bei denen Investoren Großbritannien als zentrale Anlaufstelle für die EU nutzen, ohne in jedem Land ihrer Geschäftstätigkeit Niederlassungen einrichten zu müssen. Dies trifft beispielsweise für Investmentbanken, Vermögensverwalter und Risikokapitalfonds zu.

RISIKO MANAGER: Welche Rolle spielen grundsätzlich politische Risiken?

Andrae: Im Allgemeinen haben politische Risiken immer Auswirkungen auf jede Art von Geschäften. Im Bereich der riskanten Geschäfte wirken sich politische Risiken aber besonders stark aus. Dies gilt beispielsweise für CFD- und FOREX-Geschäfte. Aufgrund ihrer Hebelwirkung unterliegen diese Transaktionen besonderen Risiken, insbesondere wenn die wirtschaftliche und politische Lage fragil ist.

RISIKO MANAGER: Die Regelungen für Einschussanforderungen für nicht zentral geclearte OTC-Derivate (Margin Requirements for Non-Centrally Cleared OTC Derivatives) bringen erhebliche Herausforderungen für Finanzinstitute mit sich. Der endgültige europäische Technische Regulierungsstandard (RTS) trat am 4. Januar in Kraft. Die Anforderungen in Phase 1 zu Nachschuss- und Ersteinschusszahlungen werden seit dem 4. Februar 2017 angewendet, während die Nachschusszahlungsanforderung für alle Markteilnehmer ab dem 1. März 2017 gilt. Ein enges Zeitfenster. Was passiert, wenn Institute diese Timeline reißen?

Andrae: Institute mit größeren Derivatevolumina werden die Änderungen bei den CSA-Verträgen in jedem Fall nicht vollständig bis zum Termin schaffen, selbst wenn sie sich nur für das Szenario entscheiden, nur für das Neugeschäft Anpassungen vorzunehmen. Insofern werden die Institute Prioritäten z.B. in Bezug auf Kundensegmente setzen müssen. Im Vordergrund steht die vertragskonforme Dokumentation, auch wenn das zu Lasten des Geschäftes geht. Dies ist dann ein Beispiel für regulatorische Risiken.

RISIKO MANAGER: Herr Dr. Andrae, vielen Dank für dieses Interview.
Das Gespräch führte Stefan Hirschmann. Foto: Bernd Schaller (Bank-Verlag)

 

Zur Person:
Dr. Silvio Andrae ist Spezialist für aufsichtliches Risikomanagement beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) in Berlin. Er arbeitet seit 2000 in der Sparkassen-Finanzgruppe. Silvio Andrae studierte und promovierte an der Freien Universität Berlin. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Fachpublikationen zum Risikomanagement.

Lese-Tipp:
Christian Rump/Silvio Andrae/Jan Rosam: EMIR-Besicherungspflicht: Herausforderungen im Collateral Management, in: RISIKO MANAGER 2 (2017), S. 43-47.
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