Quantifizierung von Kontrahentenrisiken unter Basel III

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13. März 2012
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Von Stefan Hirschmann

Seit der letzten Finanzkrise und dem Totalausfall von Lehman Brothers haben insbesondere die Kontrahentenrisiken eine merkbar höhere Aufmerksamkeit erfahren. Die internationalen Regulatoren haben diesen Risiken ein deutlich höheres Gewicht zugewiesen und ihre Bedeutung nicht zuletzt durch die Ausweitung des Counterparty Risk Managements unter Basel III verstärkt.

DÜSSELDORF, 12.3.2012. Seit der letzten Finanzkrise und dem Totalausfall von Lehman Brothers haben insbesondere die Kontrahentenrisiken eine merkbar höhere Aufmerksamkeit erfahren. Die internationalen Regulatoren haben diesen Risiken ein deutlich höheres Gewicht zugewiesen und ihre Bedeutung nicht zuletzt durch die Ausweitung des Counterparty Risk Managements unter Basel III verstärkt. Auch die Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) schreiben im Rahmen der Risikoinventur eine Analyse aller Risiken zur Beeinträchtigung der Vermögens-, Ertrags- und Liquiditätslage vor. Sowohl für das Kredit- als auch für das Handelsgeschäft werden dort Anforderungen zur Limitierung von Kontrahenten- und Emittentenrisiken formuliert. Auf Basis des Gesamtrisikoprofils sind alle wesentlichen Risiken in die Bestimmung und Sicherstellung der Risikotragfähigkeit einzubeziehen. Dass dies auch für Kontrahentenrisiken aus OTC-Derivaten gilt, liegt nahe. Rund 80 Prozent aller Derivate werden nämlich nicht über Börsen gehandelt, sondern unmittelbar zwischen den Parteien kontraktiert. Von diesen so genannten Over-The-Counter-Derivaten (OTC), also außerbörslich gehandelten Transaktionen wie Optionen, Forwards und Swaps, geht eine erhebliche Gefahr für die Finanzmarktstabilität aus. Das Fehlen jeglichen Regelungsrahmens war eine der entscheidenden Ursachen für die Finanzkrise.

?Die elementaren Schwierigkeiten bei der Beherrschung von Risiken lagen in der jüngeren Vergangenheit nicht im klassischen Kreditrisikomanagement, sondern im eigenen Handelsgeschäft der Banken?, weiß Risikomanager Carsten Bergmann von der Bonner Much-Net AG. Hier legen die Finanzaufseher nun ein verstärktes Augenmerk auf die Aktivitäten der Institute. Die neue EU-Verordnung EMIR (European Market Infrastructure Regulation) schreibt Banken vor, außerbörslich gehandelte Derivate über zentrale Gegenparteien abzuwickeln. Diese Regelung betrifft nach Schätzungen mehr als 90 Prozent des gesamten Derivatehandels. Das dahinter stehende Marktvolumen ist enorm: Im ersten Halbjahr 2011 hat der Handel nach Berechungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) weltweit die Rekordmarke von insgesamt 708 Billionen Euro erreicht. ?Praktische Schwierigkeiten offenbaren sich auf zwei Ebenen?, so Bergmann vor Mitgliedern des Düsseldorfer Finanz Forums (DFF). Einerseits müsse das Kontrahentenrisiko bestimmt werden, andererseits das Risiko richtig bepreist werden (CVA, Credit Valuation Adjustment). Das Kontrahentenrisiko aus einem bilateral mit einem Geschäftspartner abgeschlossenen OTC-Geschäft besteht zunächst einmal in der Gefahr des Ausfalls des Kontrahenten, also dem Risiko, dass der Geschäftspartner damit potenzielle zukünftige Forderungen nicht mehr erfüllen kann. Die Höhe einer solchen Forderung (Exposure) ist im Gegensatz zu einem klassischen Kredit nicht deterministisch, sondern abhängig vom jeweiligen Marktwert des Geschäfts zum Zeitpunkt des Ausfalls des Kontrahenten in der Zukunft. Nur wenn dieser positiv ist, besteht ein Kontrahentenrisiko und folglich ein Kontrahentenexposure in genau der Höhe des positiven Marktwertes, der den Wiedereindeckungsaufwand zum Ausfallzeitpunkt des Kontrahenten bezeichnet (vgl. RISIKO MANAGER 16/2011, S. 6ff.). Die in den meisten Kreditinstituten zu Zwecken der regulatorischen Eigenmittelunterlegung heute noch verwendete und aus dem alten Grundsatz I wohlbekannte Methode zur Quantifizierung des Kontrahentenrisikos ist nach wie vor die Marktbewertungsmethode.

Die andere Herausforderung ist das Pricing. Erschwerend wirkt hier der Umstand, dass sich die Preisberechnung in der Regel aus mehreren Komponenten zusammensetzt. Wichtig sei dabei insbesondere die Generierung von Marktszenarien (CVA-risikoneutrale Szenarien), die Positionsbewertung, Aggregation und das Netting, erklärt Bergmann. Hinzu komme die Berücksichtigung von Collaterals, die Berechnung des Exposure-Profils für jedes potenzielle Szenario sowie die Ermittlung des Exposure nach den definierten Anforderungen. Das Verfahren ist so kompliziert, dass die Preisstellungen verschiedener Banken mitunter massiv divergieren. Da die internen Markt- und Kreditrisikosysteme den CVA-Input liefern müssen, erweist sich die Güte des Risikomanagements in diesem Segment als Wettbewerbsvorteil. ?Nur wenn Pricing und Risikoermittlung auf einheitlichen Datenstrukturen aufgesetzt und einheitliche Modelle zur Instrumentenbewertung eingesetzt werden, kann die Herausforderung Kontrahentenbewertung im Sinne von Risiko und Pricing effektiv gelöst werden?, sagt Risikoexperte Bergmann. Je mehr Eigenhandel betrieben werde, desto wichtiger werde auch die Fähigkeit, komplex strukturierte Instrumente in einem integrierten Ansatz zu bewerten und Risikokennzahlen zu berechnen. Andernfalls drohe ein Anstieg systemischer Risiken. Nach Ansicht von Bergmann ist eine intelligente Quantifizierung von Kontrahentenrisiken nur durch einen integrierten Ansatz möglich. Klassische Silo-Ansätze würden den Anforderungen nicht mehr gerecht. Zwar benötige nicht jede Bank, Versicherung oder Fondsgesellschaft einen eigenen CVA-Desk, die Umsetzung der Anforderungen sollte jedoch im Rahmen eines strategischen Gesamtkonzeptes im Hinblick auf die Gesamtauswirkungen (Front-Office, Bewertung, Bilanzierung, Limit-Steuerung und Überwachung, Reporting usw.) auf Grundlage integrierter Daten- und Risikosysteme erfolgen.