Risikobepreisungen wieder ins rechte Lot bringen

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24. Mai 2017
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Stefan Hirschmann

Komplexe Finanzmarktprodukte und unübersichtliche Marktstrukturen haben zu einem Schleier der Intransparenz an den Finanzmärkten geführt, was eine Fehlbepreisung von Risiken bestärkt hat. Im Ergebnis war deshalb nach Ansicht der Deutschen Bundesbank – gemessen an ihren bilanziellen Risiken – das Eigenkapital vieler Banken zu niedrig.

Die Europäische Zentralbank (EZB) sollte ihre Geldpolitik nach Aussage von EZB-Ratsmitglied Jens Weidmann normalisieren, wenn der binnenwirtschaftliche Preisdruck dauerhaft zunimmt. Bei einer Rede in Bochum sagte Weidmann laut Redetext: „Mit dem anhaltenden Wirtschaftsaufschwung und dem allmählichen Rückgang der Arbeitslosigkeit im Euroraum dürften auch die Löhne und damit der binnenwirtschaftliche Preisdruck zunehmen. Sollte sich diese Entwicklung nachhaltig fortsetzen, rückt auch die geldpolitische Normalisierung näher.“ Der Inflationsanstieg der vergangenen Monate sollte nach Aussage des Bundesbank-Präsidenten nicht zu hoch angeschlagen werden, da er vor allem auf der Entwicklung der Energiepreise beruht habe.

Weidmann warnte aber auch davor, die Geldpolitische Normalisierung auf die lange Bank zu schieben, sollte der mit Blick auf die Inflationsperspektiven richtige Moment gekommen sein. „Wir dürfen nicht aus Rücksicht auf die Staatsfinanzen oder wegen etwaiger Verluste einzelner Finanzmarktteilnehmer die geldpolitische Normalisierung auf die lange Bank schieben“, sagte er. Man müsse angesichts der starken Entlastung der Staaten von Zinslasten kein "notorischer Schwarzseher" sein, um zu befürchten, dass politischer Druck auf die EZB ausgeübt werden könnte, eine geldpolitische Normalisierung mit Rücksicht auf die Staatsfinanzen hinauszuzögern.

Mit Blick auf die Banken verwies Weidmann auf eine Äußerung Walter Euckens, den Gründervater der Freiburger Schule und Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft, der das Haftungsprinzip auf die einfache Formel brachte: „Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen.“ Nur wenn das Haftungsprinzip gelte, würden die Wirtschaftsakteure verantwortungsvolle Entscheidungen treffen. Wenn Banken so groß werden, dass ihr Scheitern das gesamte Finanzsystem ins Wanken bringen kann, dann können sie darauf setzen, dass ihnen die Politik zur Seite springt, sollten sie in eine Schieflage geraten. „Durch diese implizite Versicherung gegen das Risiko einer Insolvenz haben die Banken auch in normalen Zeiten einen Finanzierungsvorteil, weil die Anleger das Ausfallrisiko geringer einschätzen und ihnen der Kapitalmarkt deshalb gewissermaßen einen Too-big-to-fail-Nachlass gewährt“, so Weidmann.

Komplexe Finanzmarktprodukte und unübersichtliche Marktstrukturen hätten außerdem zu einem Schleier der Intransparenz an den Finanzmärkten geführt. Auch dies habe zu einer Fehlbepreisung von Risiken beigetragen. „Im Ergebnis war deshalb – gemessen an ihren bilanziellen Risiken – das Eigenkapital vieler Banken zu niedrig“, so Weidmann. Aus diesem Grunde hat die Bankenaufsicht einen erkennbaren Schwerpunkt darauf gelegt, das harte Eigenkapital der Institute zu stärken und viele regulatorische Maßnahmen auf dieses Ziel auszurichten.