Russland: Megarisiko für die Finanzmärkte

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18. März 2014
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Von Stefan Hirschmann

Positive US-Konjunkturdaten haben die Krimkrise an der Wall Street für einen Moment in den Hintergrund treten lassen. Das Ergebnis der Volksabstimmung auf der Krim, bei dem sich die Mehrheit für einen Anschluss der Halbinsel an Russland entschieden hatte, war erwartet worden.

DÜSSELDORF, 18.3.2014. Positive US-Konjunkturdaten haben die Krimkrise an der Wall Street für einen Moment in den Hintergrund treten lassen. Das Ergebnis der Volksabstimmung auf der Krim, bei dem sich die Mehrheit für einen Anschluss der Halbinsel an Russland entschieden hatte, war erwartet worden. "Eine gewisse geopolitische Spannung ist nicht von der Hand zu weisen, aber bislang ist eine große Eskalation ausgeblieben", sagte Vermögensverwalter Alan Gayle von RidgeWorth Investments. Die beschlossenen Sanktionen des Westens stuften Händler noch dazu als ziemlich moderat ein. Noch ist keine scharfe Konfrontation zwischen Russland und dem Westen erkennbar. Die ergriffenen Maßnahmen sind bislang nicht sehr weitreichend, doch Ökonomen warnen eindringlich vor einer Eskalation des Konflikts in der Ukraine. "Die russische Krise ist derzeit das größte Risiko für die internationalen Finanzmärkte", sagt Dr. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Sofern Putin mit dem ¨Trostpreis¨ Krim zufrieden sein wird, dürfte sich die Krise im Zaun halten. Doch schärfere Risikoszenarien sind denkbar. Die ökonomischen Verbindungen zwischen Europa und Russland sind substanziell. Daher wird jede tiefgreifende Maßnahme nicht nur auf Russland, sondern auf die gesamte europäische Wirtschaft einen negativen Einfluss haben. Dessen ungeachtet kann die Situation weiter eskalieren, je nachdem, wie sich Russland zukünftig gegenüber der Ukraine verhalten wird. "Krisenrückschläge sind möglich, aber nicht wahrscheinlich", so Schmieding vor Mitgliedern des Düsseldorfer Finanz Forums (DFF). Ein heißer Krieg in der Ost-Ukraine wäre das größte Schreckensszenario, ein wirtschaftlicher Aufschwung wäre dann nicht denkbar.

So dramatisch die Lage in der Ukraine derzeit auch ist, für die internationalen Bond-Märkte dürfte sie sehr begrenzte Auswirkungen haben. Da die Ukraine schon seit längerem sehr schwache Fundamentaldaten aufweist, ist die Zahl der Investoren beschränkt. Das Gewicht der Ukraine am Finanzmarkt ist relativ gering, sodass bei einem drohenden Zahlungsausfall kaum weitreichenden Folgen zu befürchten sind. Russlands Gewicht ist größer, allerdings verfügt das Land auch über sehr gute Solvenz-Indikatoren ? die Zahlungsfähigkeit des Landes dürfte nicht in Gefahr geraten. Die Krim-Krise bereitet deshalb nach Ansicht von Swiss & Global Asset Management nicht so sehr dem internationalen Finanzmarkt, sondern vor allem der regionalen Wirtschaft Probleme.

Nach Meinung von Berenberg-Ökonom Schmieding bleibt Russland dennoch ein gewisses Risikoland für das gesamte Jahr 2014. Problematisch ist insbesondere der hohe Fehlbetrag in der Leistungsbilanz (Leistungsbilanzdefizit). Russland hatte wie andere Schwellenländer nach der Finanzkrise 2008 günstigen Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten. Obwohl Kapitalzuflüsse und -abflüsse sich in etwa die Waage hielten, erhöhten sich die Währungsreserven der Zentralbank nach Berechnungen der Helaba aufgrund des Leistungsüberschusses auf 475 Mrd. US-Dollar. Der von der Zentralbank an einen Währungskorb von Euro und US-Dollar orientierte Rubel wertete wegen der deutlich höheren russischen Inflation real stetig auf. Mit der ersten Ankündigung der US-Notenbank im Mai 2013, ihr Anleiheankaufprogramm zu reduzieren, hat sich die Situation für die Schwellenländer-Währungen gedreht. Zwar kam es vor allem in Ländern mit hohen Leistungsbilanzdefiziten zu Kapitalabflüssen, interessanterweise war aber auch Russland betroffen. Kapital ist hier abgeflossen, weil die politischen und wirtschaftlichen Risiken gestiegen sind. Die strukturellen Schwächen Russlands ? einseitige Export- und Importstruktur sowie eine ineffiziente, staatlich dominierte Wirtschaft ? sind wieder in den Vordergrund getreten. Zudem scheinen die lange Zeit günstigen Bedingungen in der Ära Putin mit steigenden Öl- und Gaspreisen sowie großen fiskalpolitischen Spielräumen nun vorbei zu sein.

 

 

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