Säule 1 Plus: Herausforderung für Kreditinstitute

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13. Juni 2017
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Von Pascal Aßmuth

Ende 2014 hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Aufsicht über systemrelevante Kreditinstitute in Europa übernommen. Weniger bedeutende Institute stehen nach wie vor unter Aufsicht der nationalen Behörden. In dem Zuge sind neue Richtlinien von der European Banking Authority (EBA) veröffentlicht worden, nach denen die systemrelevanten Institute beaufsichtigt und geprüft werden sollen. Dieser Aufsichtsprozess SREP (Supervisory Review and Evalutation Process) ruht nach wie vor auf den drei Säulen, die die Basel-Übereinkünfte festlegen: Eigenkapitalunterlegung, Prüfung durch die Aufsicht und Meldungen an die Behörden.

Neu ist die Philosophie, die über die strikte Einhaltung von Kennziffern in Säule 1 hinausgeht und mehr auf Prozesse zur Risikominimierung achtet, nicht. Allerdings kann nun der Aufsichtsprozess aus Säule 2 heraus selbst auf die erforderliche Kapitalunterlegung, die Säule 1, wirken, indem die Behörden höhere Eigenkapitalquoten zur Risikodeckung anordnen können. Die bisherigen Vorgaben zur Risikomessung und Kapitalunterlegung innerhalb der Säule 1, festgelegt in den Capital Requirements Regulation (CRR), haben nicht nur Schwächen, weil sie nicht alle Risikoarten und damit mögliche Risikoquellen erfassen, sondern weil sie nur eine relativ grobe Quantifizierung des Risikos zulassen. Dies liegt beispielsweise an der festgelegten und schablonenhaften Anwendung von Risikomaßen je nach Art der Gegenpartei. Interne Risikomaße, wie beispielsweise Value-at-Risk (VaR) messen in ihrer Anwendung deutlich mehr Risiken unter feiner abgestimmter Quantifizierung. Die RWA-Formel zur Ermittlung der risikogewichteten Aktiva (Risk-weighted Assets) gemäß der Vorgaben in Säule 1, basiert auf einem Multifaktor-Ansatz, der beispielsweise nur implizit Klumpenrisiken und das Migrationsrisiko aus der Restlaufzeit abschätzt. Unter den CRR sind aufsichtliche Vorgaben also nur eine grobe Einschätzung des tatsächlichen Risikos. Institute nutzen intern für ihre Risikosteuerung fortgeschrittenere und feiner abgestimmte Ansätze. Darauf baut der neue Aufsichtsprozess auf. Ziel der Aufsicht sind die Anwendung besserer Verfahren und eine genauere Messung des tatsächlichen Risikos. Darüber hinaus wird ein einheitlicher Aufsichtsmechanismus, der Single Supervisory Mechanism [SSM], angestrebt, denn dieser gilt als wesentlicher Faktor zur Erreichung von mehr Stabilität im Bankensektor [vgl. Nouy 2016].

Wesentliche Herausforderungen für die Institute entstehen nun durch die nachgelagerte Anforderung an die Kapitalunterlegung aus dem Prüfungsprozess. Denn einerseits ist diese im laufenden Betrieb noch nicht bekannt, und andererseits werden die Methoden der Wettbewerber mit einbezogen. So können in sich konsistente Steuerungsprozesse und Methoden von den Aufsichtsbehörden als unzureichend eingestuft werden, wenn Wettbewerber vermeintlich fortschrittlichere Methoden anwenden. Auch hier ist erst im Nachhinein klar, nach welchen Maßstäben die individuellen Prozesse bewertet werden.

Der Aufsichtsprozess SREP und erweiterte Prüfungen
Im Fokus der aufsichtlichen Überprüfung steht ein ganzheitlicher Ansatz, der die individuelle Risikosituation der Institute würdigen soll. Aus dieser Einschätzung wird nun, im Unterschied zur bisherigen Praxis, gegebenenfalls eine höhere Eigenkapitalunterlegung für die von der Aufsicht ermittelten Risiken, der sogenannte SREP-Zuschlag, gefordert. Die Eckpfeiler dieses Aufsichtsprozesses SREP sind

  • eine quantitative Betrachtung basierend auf den internen Kapital- und Liquiditätsberichten,
  • qualitative Betrachtung der Steuerungsprozesse,
  • eine Einbeziehung des Risikoappetits und Geschäftsmodells und außerdem
  • die Einordnung der Risikosituation und Güte der internen Prozesse anhand von Vergleichen mit ähnlichen Instituten (Peer Group).

Benotet werden die vier Elemente Geschäftsmodell, Interne Prozesse, Kapitaladäquanz und Liquidität, wobei in diese jeweils einzelne Note eben auch Quervergleiche und exogene Informationen einfließen, und die Höhe und Kontrolle des Risikos entsprechend beurteilt wird. All diese Komponenten werden zu einer Gesamtnote zusammengefügt.

Die EZB überwacht dabei die großen und systemrelevanten Institute, während die Beaufsichtigung der weniger bedeutenden Institute (Less Significant Institutes, LSIs) in den Händen der nationalen Aufsichten verbleibt. Es wird aber mittel- bis langfristig eine Konvergenz des Aufsichtsprozesses angestrebt, sodass die EBA darauf abzielt, dass auch die nationalen Behörden in Zukunft die von ihr im Jahre 2014 veröffentlichten Richtlinien in die Prüfungspraxis übernehmen. Die Aufsichtsbehörden haben mehrere Möglichkeiten der Sanktionierung. Neben dem Verbot von Dividendenausschüttungen zur Stärkung des Eigenkapitals können sie unter anderem auch individuell die vorzuhaltenden Eigenkapitalquoten vorgeben. Diese ist bisher in Säule 1 mit insgesamt acht Prozent (ohne Puffer) der risikogewichteten Aktiva gesetzt, kann dann aber im Nachhinein durch die Risikoeinschätzung der Aufsicht aufgestockt werden. Auch kann die Komposition nach Qualität des Eigenkapitals vorgeschrieben werden.

Während Institute auf die Verbesserung aller Elemente des SREP abzielen können, wird vor allem der ICAAP, der interne Kapitalevaluierungsprozess (Internal Capital Adequacy Assessment Process), im weiteren Text behandelt werden, denn dieser stellt einen wichtigen Ausgangspunkt für den SREP dar.
Die interne Kapitalplanung ist besonders von der einzuhaltenden Eigenkapitalquote betroffen, da diese Quote eine Nebenbedingung für die Planung darstellt. An dieser Stelle entsteht eine Rückkoppelung der aufsichtlichen Evaluierung auf die Planung, weil die Planung die konkrete Nebenbedingung im Vorfeld nicht kennt.

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[Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Fachzeitschrift RISIKO MANAGER 06/2017. Die Ausgabe ist seit dem 31. Mai 2017 lieferbar und kann auch einzeln bezogen werden.] 

 

Autor:
Dr. Pascal Aßmuth
, Bankfachberater, Beckmann & Partner CONSULT.

Artikelbild: ©klenova / iStockphoto.com