Systemrisiken managen – aber wie?

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09. Juni 2015
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Stefan Hirschmann

Die Finanzkrise hat gezeigt, dass Schieflagen in einzelnen Banken und Marktsegmenten schwerwiegende globale Auswirkungen nach sich ziehen können. Die intensivierte Überwachung legt nicht zwangsläufig alle Risiken offen, die sich für die Gefährdung des Gesamtsystems als relevant erweisen. Daher betrachten die internationalen Regulatoren das Finanzsystem in seiner gesamten Komplexität.

Die Finanzkrise hat gezeigt, dass Schieflagen in einzelnen Banken und Marktsegmenten schwerwiegende globale Auswirkungen nach sich ziehen können. Die intensivierte Überwachung legt nicht zwangsläufig alle Risiken offen, die sich für die Gefährdung des Gesamtsystems als relevant erweisen. Daher betrachten die internationalen Regulatoren das Finanzsystem in seiner gesamten Komplexität. Systemische Risiken, etwa nicht mehr beherrschbare Kettenreaktionen an den Finanzmärkten, wurden in der Vergangenheit weitgehend ausgeblendet. Spätestens die internationale Finanzkrise hat aber offenbart, dass dieses Vorgehen falsch war, denn systemische Risiken verfügen in Wahrheit über ein extrem hohes Schadenspotenzial. Ihr Eintritt ist rein statistisch äußerst selten, doch wenn diese Risikokategorie schlagend wird, sind die Folgen umso destruktiver. Systemische Risiken beschreiben im Gegensatz zu Einzelrisiken jene Gefahren, die eine sich selbst verstärkende, krisenhafte Dynamik annehmen können. Sie durchziehen weite Teile von Wirtschaft und Gesellschaft, ohne in ihrer gesamten Komplexität wahrgenommen zu werden. Ihre besondere Brisanz gewinnen systemische Risiken dennoch nicht allein aus den direkten Schäden, die sie verursachen. Es sind vielmehr die weitreichenden Wirkungen in zentralen gesellschaftlichen Systemen, insbesondere in der Finanzindustrie, die den Umgang mit diesem Risikotyp schwierig und zugleich dringlich machen.

Systemrisiken in der Kreditwirtschaft entstehen, wenn Schieflagen einzelner Institute Ansteckungs- und Dominoeffekte für den Gesamtmarkt erzeugen. Ziel der Bankenaufsicht ist deshalb, das volkswirtschaftliche Finanzsystem so zu stabilisieren, dass Stresssituationen und Umbruchphasen möglichst geringe Negativeffekte mit sich bringen. „Ein Finanzsystem ist umso stabiler, je geringer die Fehlanreize im System wirken und je größer die Risikopuffer und insbesondere das Eigenkapital im System sind“, sagt Prof. Dr. Claudia Buch (Foto), Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank. Die Begrenzung von Größeneffekten, Risiken aus der Kreditvergabe sowie von prozyklischen Wirkungsketten steht deshalb im Vordergrund der regulatorischen Disziplin des Systemrisikomanagements. Als konkretes wirtschaftspolitisches Instrument erweist sich dabei die makroprudenzielle Analyse. „Seit Ausbruch der Krise sind wichtige Weichen gestellt worden. Für das bisher erreichte werden wir im Ausland bewundert“, so Buch im Rahmen eines Vortrags an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Neue Institutionen, neue gesetzliche Rahmenbedingungen und richtungsweisende Reformen seien bereits auf den Weg gebracht. Auf makroprudenzieller Basis ist hinsichtlich des Systemrisikomanagements zunächst der Ausschuss für Finanzstabilität (AFS) relevant, der Warnungen und Empfehlungen an nationale Adressaten (z.B. die BaFin) gibt. Innerhalb der Bankenunion nimmt der europäische Ausschuss für Systemrisiken (European Systemic Risk Board, ESRB) eine vergleichbare Funktion wahr. Er ist für die Früherkennung makroökonomischer Entwicklungen sowie für die Prävention und Bekämpfung von systemischen Risiken innerhalb des Finanzmarktes der EU zuständig. Dazu gehört auch die Analyse, welche OTC-Derivate das größte Systemrisikopotenzial aufweisen. Als integraler Bestandteil des europäischen Finanzaufsichtssystems (European System of Financial Supervision, ESFS) und Gremium der EZB in Frankfurt arbeitet der EU-Systemrisiko-Rat eng mit den EU-Aufsichtsbehörden EBA (Banken), EIOPA (Versicherungen) und ESMA (Wertpapierwesen) zusammen.

Mit dem Instrument der neuen Eigenmittelpuffern ist es der Aufsicht möglich, dass harte Kernkapital und mithin das darin enthaltene bilanzielle Eigenkapital der Institute deutlich und nachhaltig zu erhöhen. Die Puffer sind Hoffnungsträger, um Institute widerstandsfähiger und ihre Geschäftsmodelle langfristig tragfähig zu machen. Höhere Eigenkapitalzuschläge rechtfertigt Bankenaufseherin Buch mit dem Risikopotenzial globaler Institute, die stärker vernetzt sind und von impliziten Subventionen („too big to fail“) profitieren. Betroffen sind deshalb global systemrelevante Banken (Global Systemically Important Institutions, G-SIIs) und national systemrelevante Institute (Other Systemically Important Institutions, O-SIIs). Maßgeblich ist der Kriterienkatalog des Baseler Ausschusses (BCBS) sowie die Leitlinien der europäischen Bankenaufsicht EBA. Der leitende Gedanken ist der Erkenntnis geschuldet, dass Eigenkapitalanforderungen in Boomzeiten einer Lockerung unterliegen. Die Abweichung der Kredite an den privaten nichtfinanziellen Sektor vom langfristigen Trend wird als zentraler Indikator herangezogen (Kredit-BIP-Lücke). Einzelne Länder können allerdings zusätzliche Indikatoren integrieren, beispielsweise Immobilienpreise, und innerhalb eines nationalen Ermessensspielraumes agieren. Umgekehrt sind Erfahrungen anderer Länder aufgrund struktureller Unterschiede nicht immer übertragbar. „Nicht alle Kreditblasen enden in Krisen“, so Bankenaufseherin Buch in Düsseldorf. Zudem seien Immobilienkreditrisiken anhand statistischer Daten über einen längeren Zeitraum kaum zu erkennen. „Von zentraler Bedeutung ist deshalb, dass eine rechtzeitige Erhebung der relevanten Daten erfolgt“, so Buch. Generell seien Krisen, die aus Kreditblasen entstehen, tiefer, dauerten länger und seien mit höheren sozialen Kosten verbunden, sagt die Bundesbank-Vizepräsidentin. „Aggregierte Daten allein erzählen uns allerdings nicht die Geschichte, die wir brauchen, um Risiken im Finanzsystem ausreichend zu identifizieren. Sie beschreiben die Verteilung von Risiken im System nur unzureichend“, sagt Buch. Eine rechtzeitige Planung der Datenerhebung könne Kosten senken und sollte deshalb Teil des politischen Prozesses sein. Die Bundesbank-Vizepräsidentin wirbt damit auch für eine höhere Akzeptanz der geplanten Reform des Meldewesens mit grundlegenden Ausweitungen des Risikoreportings und der Erhebung von granularen Daten zu Krediten (AnaCredit).