Trendwende mit Schönheitsfehlern

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05. Juli 2017
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Von Redaktion RISIKO MANAGER

Nach den mageren Jahren der Finanz- und Wirtschaftskrise können die Versicherer wieder mit mehr Zuversicht nach vorne schauen: Wuchsen die Versicherungsprämien seit dem Jahr 2008 weltweit im Durchschnitt nur mit 3,1 Prozent pro Jahr, dürfte sich das Wachstum in der nächsten Dekade auf 5,9 Prozent beschleunigen. In diesem Aufschwung spiegelt sich in erster Linie die Rückkehr der Weltwirtschaft zu normalen Wachstums- und Inflationsraten wider. Besonders ausgeprägt zeigt sich diese Entwicklung in den Industrieländern – nicht zuletzt in Westeuropa: Während hier seit Lehman die Versicherungsmärkte mehr oder weniger stagnierten, werden in Zukunft die Prämien wieder mit durchschnittlich knapp 3 Prozent pro Jahr zulegen – in Deutschland dürfte die Entwicklung mit 2,8 Prozent sehr ähnlich verlaufen. So die Ergebnisse einer jüngsten Studie der Allianz SE zu den Wachstumschancen der globalen Sach- und Lebensversicherungsmärkte. Die lange Durststrecke der Krisenjahre läge demnach hinter uns, kommentiert Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz SE.

In den nächsten zehn Jahren wird nicht nur das Wachstum wieder kräftiger ausfallen, sondern auch die Gewichte zwischen den Segmenten Sach und Leben werden sich wieder verschieben. In der Krise zeigten sich vor allem die Sachversicherungsmärkte robuster. Besonders ausgeprägt war diese Diskrepanz wiederum in Westeuropa: Während die Prämien im Lebensversicherungsgeschäft zurückgingen (durchschnittlich um 0,5 Prozent pro Jahr), konnte das Sachgeschäft noch ein Plus von 1,2 Prozent verzeichnen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Neben stagnierenden Einkommen und hoher Arbeitslosigkeit waren es vor allem die extrem niedrigen Zinsen, die die Nachfrage nach Lebensversicherungen dämpften – klassische Sparprodukte waren in diesem Umfeld nicht mehr attraktiv. In Zukunft sollte sich die Nachfrage nach Lebensversicherungsprodukten aber wieder erholen – denn die Notwendigkeit zur eigenverantwortlichen Vorsorge jenseits der staatlichen Rentensysteme besteht unverändert fort. Zudem haben die Anbieter mit neuen Vorsorgekonzepten auf die Niedrigzinsphase reagiert; und auch der Zinsausblick selbst ist wieder etwas freundlicher.

Das zukünftige Wachstum wird auch in einem weiteren Punkt die negative Entwicklung der letzten Jahre wieder umkehren: Die relative Bedeutung des Versicherungsgeschäfts sollte wieder zunehmen, ablesbar am Anteil der Versicherungsprämien am BIP, der sog. Versicherungsdurchdringung: Von 5,6 Prozent weltweit (2016) sollte sie in den nächsten zehn Jahren auf 5,8 Prozent steigen. Allerdings geht dieser Zuwachs nahezu ausschließlich auf die Schwellenländer zurück. In den Industrieländern – auch in Deutschland – dürfte sich dagegen der rückläufige Trend der vergangenen Jahre fortsetzen, wenn auch in einem deutlich langsameren Tempo. Für diese weiterhin verhaltene Entwicklung sprechen aber nicht mehr wirtschaftliche, sondern vor allem strukturelle Gründe: Zum einen die demographische Entwicklung, die in den nächsten Jahren durch den allmählichen Renteneintritt der Generation der Babyboomer gekennzeichnet ist. Zum anderen zunehmende Schwierigkeiten, die Prämieneinnahmen im Brot-und-Butter-Geschäft der Sachversicherung, der Autoversicherung, weiter zu steigern.

Die Rückkehr zu solidem Wachstum der Versicherungsmärkte hat also durchaus einige Schönheitsfehler, zumindest in den Industrieländern ist ein Ausgleich der Verluste der Krisenjahre nicht der wahrscheinlichste Fall. Zum Schwarzmalen besteht dennoch kein Anlass. Denn die neuen Technologien bieten große Chancen. Digitalisierung, Big Data und Künstliche Intelligenz stehen nicht allein dafür, Kosten zu senken, Prozesse effizienter zu machen und den Wettbewerbsdruck zu erhöhen. Mit ihnen kann vor allem auch Versicherungsschutz wieder für mehr Menschen zugänglich und erlebbar gemacht werden, Versicherungsprodukte können attraktiver werden. Mit einem Wort: Neue Technologien schaffen mehr Nachfrage.

 

Artikelbild: ©Jarib - istockphoto
Textquelle: Allianz SE