Trump-Sieg mahnt zu höherer Risikosensibilität

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09. November 2016
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Von Madeleine Nissen und Stefan Hirschmann

Der Chief Investment Officer der Deutschen Bank rechnet nach dem Wahlsieg des US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump vorerst mit anhaltenden Marktschwankungen. „Der Sieg von Donald Trump hat die Märkte sicherlich auf dem falschen Fuß erwischt, wie auch die ersten Marktreaktionen zeigen"“ sagte Stefan Kreuzkamp. "Die Unberechenbarkeit Trumps und seine politische Unerfahrenheit sind Grund genug, die kommenden Monate etwas vorsichtiger anzugehen." Die Berichterstattung dürfte seiner Einschätzung nach negativ dominiert bleiben. Mit Trump zieht ein Präsident in das Weiße Haus ein, der aufgrund seiner häufig extremen Positionen, seiner Provokationen und seiner regelmäßigen Kehrtwendungen außergewöhnlich hohe Unwägbarkeiten und Risiken für die nächste Legislaturperiode mit sich bringt. Auch wenn die Realitäten des Amts sowie der Kongress als Korrektiv wirken können und Trump davon abhalten, seine Wahlversprechen eins zu eins umzusetzen, spricht die tiefe Spaltung der amerikanischen Gesellschaft dafür, dass die Politik den langfristigen Wachstumsausblick für die US-Wirtschaft fortan klar negativ beeinflusst. „Die Risiken einer Trump-Präsidentschaft sind an den Märkten nicht voll eingepreist“, sagt Dr. Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz SE. Kurzfristig dürfte die US-Notenbank darauf verzichten, die Zinsen weiter zu erhöhen. Mittelfristig wird die Trump’sche Politik aber zu einem höheren Defizit und Handelseinschränkungen führen, glaubt Heise. Über kurz oder lang wird dies auch die Inflation anheizen und die Fed dazu zwingen, die Zinsen zu erhöhen; auch die Bondrenditen werden dann steigen. In der Wirtschaftspolitik wird sich damit der Akzent deutlich von monetären hin zu fiskalischen Impulsen verschieben.

"Würde er nur die Hälfte seiner markigen Versprechungen aus dem Wahlkampf einlösen, dürfte dies bereits für viel Unruhe sorgen", sagte Kreuzkamp. Gleichzeitig riet er den Investoren, nicht die Nerven zu verlieren. "Unsere Hoffnungen beruhen auf dem Pragmatismus, der Adaptionsfähigkeit und der insgesamt geringen politischen Festlegung Trumps", sagte Kreuzkamp. Er sieht durchaus die Möglichkeit, dass er die Politveteranen im Kongress ein weitgehend klassisch republikanisch geprägtes Wahlprogramm durchziehen lasse.

Klar ist: Die Wahl Trumps heißt vor allem Unsicherheit. Wofür Trump wirklich steht und ob er die vielen, teils widersprüchlichen Ankündigungen auch umsetzen wird, weiß niemand, vermutlich auch Trump selbst nicht. „Grund zu Entsetzen über das Wahlergebnis oder gar Panik besteht freilich nicht. Trump ist im Wahlkampf hochgradig populistisch aufgetreten. Aber er ist keineswegs dumm. Gerade weil er kein Berufspolitiker ist, wird er sich mit Beratern umgeben, die ihn in weltpolitischen Angelegenheiten vor Torheiten bewahren können“, meint Prof. Lüder Gerken, Vorstand beim Centrum für Europäische Politik (cep) in Freiburg. Gleichwohl sind die Folgen der US-Wahl für das Verhältnis der EU zu den USA alles andere als vorteilhaft.

Eines der großen Themen im US-Wahlkampf war die Wirtschaft. Trump befürwortet einen stärkeren Schutz der US-amerikanischen Wirtschaft vor globaler Konkurrenz. NAFTA will er kündigen, die TTIP-Verhandlungen stoppen. Zumindest letzteres dürfte ihm auch gelingen, auch wenn sich dagegen etliche große US-Unternehmen stellen werden. Für Europa ist ein derartiger amerikanischer Protektionismus keinesfalls wünschenswert. Die hiesigen TTIP-Gegner freilich werden jubeln. Zudem will Trump das Pariser Klimaabkommen aufkündigen und Zahlungen für die UN-Klima-Programme einstellen. Dies wird die internationalen Klimaschutzbestrebungen erheblich abbremsen, wenn nicht zum Stopp bringen. Europas möglicher Beitrag zu Emissionsreduktionen ist viel zu klein, um allein etwas zu bewirken.

Im Hinblick auf die Außenpolitik will Trump amerikanische Interessen deutlich härter durchsetzen als sein Vorgänger. „Dies gilt sowohl für das Auftreten etwa in Osteuropa und im Vorderen Orient als auch innerhalb der NATO, in der die Verbündeten der USA sich stärker an den Rüstungsausgaben beteiligen sollen. Dies wird zu neuen Anläufen für eine europäische Verteidigungs- und Außenpolitik führen. Die Aussicht, dass diese Realität wird, ist freilich gering. Zu uneinig sind die Mitgliedstaaten der EU auf diesem Gebiet“, sagt Gerken.

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