Variable Wahrnehmung von Kreditrisiken

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10. November 2010
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Von Stefan Hirschmann

Risikokommunikation leistet nicht nur (beruhigende) Aufklärung, sondern vor allem und zunächst (beunruhigende) Sensibilisierung für drohende Risiken. Techniken und Kontrollen, die den Sicherheitsstandard erhöhen sollten, potenzierten deshalb zunächst nur die Verunsicherung der Beteiligten. Ursache dieser paradoxen Folgeerscheinung ist eine unheilige Korrelation zwischen Risikowahrnehmung und Risikobereitschaft.

DÜSSELDORF, 10.11.2010. Heute ? und zwar exakt am Tag 768 nach der Insolvenz von Lehman Brothers ? steht fest: Mittelständische Unternehmen in Deutschland sind deutlich besser durch die Krise gekommen als zunächst angenommen. Viele von ihnen befinden sich sogar schon wieder auf Wachstumskurs. Für eine weitere Expansion ist aber dringend eine solide Unternehmensfinanzierung erforderlich. Doch die ist nach der Finanz- und Wirtschaftskrise schwieriger geworden. Um sich erfolgreich auf dem Markt zu behaupten, müssen Unternehmen u.a. eine langfristige Finanzierungsstrategie verfolgen sowie die Nutzung alternativer Finanzierungsinstrumente in Betracht ziehen.

Die Voraussetzungen sind derzeit optimal, denn die Stimmung der Firmen in Deutschland signalisiert einen ?in wirtschaftlicher Hinsicht wahrhaft goldenen Oktober?. Selten war sie quer durch alle Unternehmensgrößenklassen so gut wie zurzeit. Dies belegt das KfW-ifo-Mittelstandsbarometer, das im Oktober mit einer ganzen Reihe von Superlativen aufwarten kann. So verbesserte sich das mittelständische Geschäftsklima, der zentrale Indikator des Barometers, um beachtliche 4,0 Zähler auf 23,2 Saldenpunkte. Damit konnte es nicht nur den Rückgang aus dem Vormonat mehr als wettmachen. Zugleich ist dies auch der höchste Stand seit rund dreieinhalb Jahren. Nur in wenigen Monaten ? nämlich während des Wiedervereinigungsbooms Anfang 1991 und im Hochpunkt des vorangegangenen Aufschwungs im Frühjahr 2007 ? war die Stimmung im Mittelstand noch geringfügig besser. Eine derart starke Zukunftszuversicht, die von den drohenden globalen Belastungen aus der schwachen US-Konjunktur, der leichten Abkühlung in Asien, den ungelösten Strukturproblemen in der Europeripherie sowie der absehbar restriktiven Fiskalpolitik bislang offenbar kaum erschüttert werden konnte, spricht für ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein im deutschen Mittelstand. ?Eine Kreditklemme in Deutschland war ohnehin ein Mythos?, sagt Dr. Stefan Breuer von der KfW Bankengruppe.

Der Einbruch des Kreditneugeschäfts im Vorjahr sowie die sich aktuell aufhellende Entwicklung und der positive Ausblick beruhen auf drei Einflussfaktoren. Zum einen ging der Ausbruch der Subprimekrise mit einer enormen Ausweitung des Kreditneugeschäfts im zweiten Halbjahr 2007 und über weite Teile des Jahres 2008 einher. Unternehmen versorgten sich ? insbesondere in den kürzeren Fristen ? mit Liquidität zur Überbrückung sich abzeichnender oder befürchteter Finanzierungsengpässe. Dieser starke Anstieg beim Kreditneugeschäft führte ab dem darauf folgenden Jahr 2009 zu einem auslaufenden Basiseffekt, der durch den massiven Einbruch der Kredit- und Investitionsnachfrage nach der Insolvenz von Lehman Brothers im dritten Quartal 2008 verstärkt wurde. Eine Entwicklung, die sich mit dem Übergreifen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft über weite Teile des nachfolgenden Jahres fortsetzte. Hinzu kam schließlich die enorme Belastung der Bankbilanzen, zunächst durch Subprimepapiere und gestiegene Refinanzierungskosten, später durch Wertberichtigungen auf ?normale? Kredite sowie durch Abschreibungen auf Staatsschuldtitel. Diese Belastungen des Bankensektors führten ? im Zusammenspiel mit der Erwartung perspektivisch steigender regulatorischer Anforderungen ? zu einer deutlichen Verschärfung der Kreditvergaberichtlinien und begründeten die Sorge, dass die Angebotsseite des Kreditmarkts flächendeckend deutlich beeinträchtigt werden könne.

Doch diese Gefahr ist gebannt. ?Einen Kreditengpass gibt es nicht?, so Uwe Berghaus stellvertretender Vorstand der WGZ BANK AG, vor Mitgliedern des International Bankers Forum (IBF) in Düsseldorf. Wohl aber eine geänderte Risikowahrnehmung. Dahinter steht eine Paradoxie des Risikos: Risikokommunikation leistet nicht nur (beruhigende) Aufklärung, sondern vor allem und zunächst (beunruhigende) Sensibilisierung für drohende Risiken. Techniken und Kontrollen, die den Sicherheitsstandard erhöhen sollten, potenzierten deshalb zunächst nur die Verunsicherung der Beteiligten. Die öffentlich geführte Rating-Diskussion im Gefolge von Basel II ist hierfür ein gutes Beispiel. Ursache dieser paradoxen Folgeerscheinung ist eine unheilige Korrelation zwischen Risikowahrnehmung und Risikobereitschaft: je intensiver und wissenschaftlich genauer und psychisch alarmierter wir Risiken wahrnehmen, desto weniger bereit sind wir, sie zu tragen. ?Die Wahrnehmung von Kreditrisiken ist variabel?, weiß auch Markus Loy (Foto), Geschäftsführer der VR Unternehmerberatung GmbH, die auf familiengeführte Unternehmen spezialisiert ist. Trotz eines stabilen und unverändert geführten Geschäftsmodell seien mittelständische Unternehmen mitunter in den Sog der Finanzkrise geraten und hätten plötzlich Schwierigkeiten, akzeptable Anschlussfinanzierungen zu erhalten ? obwohl das Risikoprofil unverändert geblieben sei, so Loy.

Den ?wahrhaft goldenen Oktober? für die Unternehmen in Deutschland können auch andere Finanzierungsexperten noch nicht in vollem Glanze erkennen.  ?Als bankenunabhängiger Finanzierungsberater mittelständischer Familienunternehmen müssen wir in Bezug auf Kreditvergaben leider eine rigide Zurückhaltung bei den Banken feststellen. Selbst gute Zwischenzahlen des laufenden Jahres 2010, die die Überwindung des teilweise dramatischen krisenbedingten Geschäftseinbruchs in den letzten beiden Jahren signalisieren, erfahren nicht die positive Bewertung wie in der Vergangenheit und werden in ihrer Nachhaltigkeit mit Skepsis betrachtet?, so Petra Klann, geschäftsführende Gesellschafterin der DMG ? Deutsche MittelstandsGesellschaft mit Sitz in Heiligenhaus. Zudem hätten Unternehmen, die zwar gut aufgestellt, aber in Branchen tätig seien, die auf der ?roten Liste? stehen,  allzu selten die Chance, überhaupt zur Analyse des Kreditantrages vordringen zu können. ?Es sei denn, sie bringen, überspitzt gesagt, wenigstens so viele Sicherheiten mit wie sie an Kreditvolumen beantragen?, meint Klann. Die Wahrnehmung ist eben nicht nur bei Kreditrisiken, sondern auch in Finanzierungsfragen variabel.