Warum schwankt der Libor derzeit so stark?

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28. März 2018
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Von Jon Sindreu

Der Interbankenmarkt gibt Händlern derzeit Rätsel auf: Einer der wichtigsten Indikatoren für Stresssituationen am Markt, der Interbankenzins Libor, notiert auf dem höchsten Niveau seit der Finanzkrise 2009 – obwohl die Gesundheit des Bankensystems gerade niemandem den Schlaf raubt. Die US-Steuerreform könnte des Rätsels Lösung sein. Denn diese bestraft US-Niederlassungen ausländischer Banken jetzt dafür, wenn sie sich von ihrer Zentrale Geld leihen.

Der Libor-Zinssatz, zu dem Banken sich für drei Monate untereinander Geld leihen, ist deutlich gestiegen im Vergleich zu dem Zins, den die Federal Reserve dann festsetzen dürfte. Die Differenz nähert sich 0,6 Prozentpunkten. Zu Beginn des Jahres waren es nur 0,1 Prozentpunkte. Der Wert ist höher als während der Euro-Schuldenkrise 2011 und der höchste seit 2009, als er auf über 3,5 Prozentpunkte gestiegen war. Dieser Spread schlägt in der Regel nach oben aus, wenn Banken in Schwierigkeiten stecken und Probleme haben, genug US-Dollar zu bekommen, um ihren kurzfristigen Finanzierungsbedarf zu decken. In dem Fall steigen jedoch auch andere Dollar-Finanzierungsquellen am Geldmarkt, wie etwa Fremdwährungsderivate. Tatsächlich sind die Spreads solcher Produkte in den vergangenen Wochen jedoch sogar geschrumpft.

Verblüffte Banker und Analysten suchen die Ursache in einer höheren Emission kurzfristiger Anleihen durch das US-Finanzministerium, wodurch die Kreditkosten allgemein gestiegen seien, sowie in einer Reform von Geldmarktfonds, durch die die Nachfrage nach Corporate Papers gesunken sei. Doch Zoltan Pozsar, Analyst bei Credit Suisse und Experte für Schattenbankensysteme, hat eine andere Theorie: Er glaubt, dass die Turbulenzen auch mit der US-Steuerreform zu tun haben, wie er in einem Bericht an seine Kunden schrieb. Ein Aspekt der Steuerreform soll verhindern, dass international aktive Unternehmen ihre Steuerlast senken, indem sie hohe Kosten in den USA buchen und ausländischen Firmenteilen mehr Einkommen überweisen. Die US-Sparten ausländischer Banken, die sich bisher auf kurzfristige Kredite von der Zentrale im Heimatmarkt verlassen hatten, müssen künftig Steuern auf ihre Kreditraten zahlen. 

Daten des von der Fed verwalteten National Information Center zeigen, dass die US-Sparten großer europäischer und japanischer Banken bis Ende 2017 für ihre Finanzierung zusammen über 400 Mrd. US-Dollar von der Zentrale im Ausland erhalten haben. Allein die New Yorker Niederlassung der Deutschen Bank hat von der Mutter in Frankfurt 107 Mrd. Dollar erhalten. Pozsar glaubt, dass diese Niederlassungen jetzt unbesicherte Kredite nutzen, um einen Großteil ihres Finanzierungsbedarfs zu decken, was den Libor nach oben treibe. Das würde auch erklären, warum der Spread von Devisenderivaten nicht gestiegen ist. Europäische und japanische Banken tauschten oft am Derivatemarkt ihre Euro und Yen gegen Dollar, um die US-Niederlassungen mit Kapital zu versorgen. Dadurch ist der Preis solcher Papiere gestiegen. Mit der Änderung des Steuergesetzes brauchen sie diese Dollar nicht mehr.

Der Analyst glaubt, dass sie diese Dollar jetzt im Austausch gegen Euro und Yen wieder am Devisenmarkt verleihen. Das habe die Spreads von Devisenderivaten gedrückt. "Aktuell ist das Angebot von Dollar größer als die Nachfrage danach. Das gilt aber nicht ewig", warnt er. Banken hatten sich Dollar geliehen, um sie an ihre Filialen weiterzuverleihen. Jetzt warten sie lediglich, bis die Kredite fällig werden, und geben dann die Dollars zurück. Dann könnten sich auch die Devisen-Spreads ausweiten.

Libor-Spreads dürften indes noch eine Weile Aufwind haben, sagt Pozsar. Das könnte sich negativ auf US-Anleihen auswirken, glauben einige Analysten und Investoren, da Devisen-Hedging für ausländische Käufer teurer wird – Käufer, die ohnehin schon auf andere Märkte umsteigen, um diesen Aufpreis zu vermeiden. (DJN) 

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