Wie schlimm ist die Krise in der Türkei wirklich?

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22. August 2018
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Von Tine Choi

„Die Amerikaner haben den Dollar, doch wir haben unseren Gott.“ Diesen Ausspruch tätigte der türkische Präsidenten Recep Erdoğan, als er unlängst versuchte, im Volk seines Landes Optimismus zu verbreiten. Doch selbst den höheren Mächten steht eine schwierige Aufgabe bevor, da die Türkei in eine ernste Schieflage geraten ist, die die türkische Lira in den freien Fall geschickt und negative Stimmung an den globalen Kapitalmärkten verbreitet hat. Erdoğan hat außerdem seine Landsleute dazu aufgefordert, Gold zu verkaufen und alle privat gehorteten US-Dollarnoten in türkische Lira zu wechseln, um so die lokale Währung zu stützen. Eher ein Ausdruck der Ohnmacht, denn ein aussichtsreiches Konzept zur Krisenbewältigung.

Die Wurzel der Probleme 

Die türkische Lira hat im vergangenen Jahr gegenüber dem US-Dollar etwa die Hälfte ihres Werts verloren. In diesen Tagen verzeichnet sie enorme Schwankungen – nicht nur auf Tagesbasis, sondern stündlich. Dabei zählte das Land in den vergangenen Jahren zu den dynamischsten Volkswirtschaften der Welt, noch 2017 lag das Wachstum bei 7,4 Prozent. Wie konnte es also soweit kommen? 

Das beeindruckende Wachstum der Vergangenheit wurde von einer unhaltbaren Wirtschaftspolitik begleitet, die die Anleger nervös gemacht hat. Die Konjunktur ist einfach überhitzt, angetrieben von einer expansiven Finanzpolitik und der Aufnahme von viel zu hohen Krediten im Ausland. Die Verbindlichkeiten der Türkei in ausländischen Devisen belaufen sich nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds auf über 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was ein hoher Schuldengrad ist. Darüber hinaus wird es immer teurer, die Zinsen und Tilgungen zu bedienen, je weiter der Kurs der türkischen Lira fällt. Damit steckt das Land wirtschaftlich in einem Teufelskreis. 

Erdoğans Macht verschärft die Krise

Der fallende Wechselkurs hat eine galoppierende Inflation zur Folge, da die schwächere Lira den Import von Waren aus dem Ausland verteuert. Im Juli betrug die Inflation 16 Prozent, was weit über dem Inflationsziel der türkischen Zentralbank von 5 Prozent liegt. Normalerweise nutzen Zentralbanken Zinserhöhungen als Werkzeug zur Eindämmung von Inflation, doch das kollidiert mit einer der anderen Ursachen für die Krise in der Türkei. 

Präsident Erdoğan hat immer mehr Macht erhalten und umgibt sich nicht unbedingt mit den besten Wirtschaftsberatern. Anstelle von Mehmet Simsek, der von den Finanzmärkten respektiert wurde, hat er jüngst seinen Schwiegersohn zum Finanzminister berufen. Auch die Zentralbank darf nicht unabhängig arbeiten und eine Geldpolitik verfolgen, mit der die Anleger beruhigt werden. Denn Erdoğan hat erklärt, dass er niedrige Zinsen bevorzugt, um das Wachstum weiter anzukurbeln. 

Als ob das noch nicht genug wäre, ist die Regierung mit den USA aneinandergeraten, weil die Türkei den US-Pastor Andrew Brunson zurückhält. Laut Ankara soll er am misslungenen Militärputsch in der Türkei im Jahr 2016 beteiligt gewesen sein. Die USA fordern eine sofortige Freilassung, was die Türkei ablehnt. Die Folge: der politische Konflikt ist auf höchstem Niveau eskaliert. Donald Trump droht mit Sanktionen und Strafzöllen auf türkische Waren, wenn sich die Türken nicht fügen – und das ist das Gegenteil von dem, was das Land momentan gebrauchen kann. 

Wie reagiert Ankara? 

Derzeit warten die Finanzmärkte auf den nächsten Schachzug von Erdoğan. Doch welche Möglichkeiten haben die Türken überhaupt, um möglichst unbeschadet aus der Krise zu kommen? 

Zu den möglichen Maßnahmen zählen Kapitalrestriktionen, die die Geldströme in und aus dem Land kontrollieren. Ebenfalls Zinserhöhungen durch die Zentralbank könnten dazu führen, Anlagen in die türkische Lira für Investoren interessanter zu machen. Unlängst kündigte Katar ein Hilfspaket an, mit dem der ölreiche Golfstaat 15 Mrd. US-Dollar investieren und so die türkische Wirtschaft unterstützen will. Das könnte ein erster Schritt sein. Die Türkei kann zudem den Internationalen Währungsfonds um finanzielle Hilfe bitten. Doch Erdoğan ist ein Alphatier, das ungern Zeichen von Schwäche zeigt. Es wäre ein harter Schlag für seinen Stolz, wenn er sich den Anforderungen einer restriktiven Wirtschaftspolitik beugen müsste, die mit den Finanzspritzen des Internationalen Währungsfonds üblicherweise einhergehen. 

Folgen für die Finanzmärkte 

Gegenwärtig sind die Anleger besorgt, welche negativen Auswirkungen die türkische Krise auf andere Märkte nach sich ziehen kann. In den vergangenen Wochen konnten wir beobachten, dass mehrere Schwellenländerwährungen unter Druck gerieten, vor allem in Staaten mit einem Zahlungsbilanzdefizit wie Indien und Südafrika. Darüber hinaus sind die Aktienkurse und die Zinsen in den USA, Deutschland und Dänemark gefallen, da die Anleger einen sicheren Hafen am Anleihenmarkt gesucht haben. 

Sowohl der US-Dollar als auch der japanische Yen und der Schweizer Franken haben aufgewertet. Im Gegensatz dazu hat der Euro an Wert verloren, da die Krise in der Türkei für die europäische Wirtschaft ein größeres Risiko darstellt als für die japanische oder US-amerikanische Konjunktur. Insbesondere einige südeuropäische Banken zeigen sich anfällig, da sie Kredite an die Türkei vergeben haben. 

Insgesamt sind wir davon überzeugt, dass sich die Situation in der Türkei isoliert betrachtet kaum zu einer größeren und tieferen Krise ausbreiten wird – weder für Europa noch für die Schwellenländer. Denn die Abhängigkeit der europäischen Wirtschaft von der Türkei ist zu begrenzt. Und was die übrigen Schwellenländer anbelangt, sind die fundamentalen Wirtschaftsbedingungen dort im Allgemeinen besser als in der Türkei. 

Jedoch fällt die Krise in der Türkei in eine Phase, in der die Anleger ohnehin nervös sind, unter anderem aufgrund des Handelskriegs von Donald Trump. Das erhöht das Risiko, dass selbst ein unbedeutenderes Ereignis irgendwann einen größeren Einbruch an den Finanzmärkten auslösen kann. Trotz der aktuellen Unsicherheit ist die Weltwirtschaft jedoch weiterhin auf Wachstumskurs. Daher behalten wir unsere moderate Übergewichtung in Aktien bei, darunter eine Übergewichtung in Titeln aus Schwellenländern. Anleihen haben wir dementsprechend untergewichtet. 

Ein Kommentar von Tine Choi, Chefstrategin bei Danske Invest.