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Bankenverband: Wirtschafts- und Finanzkrise noch nicht überwunden
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Prof. Dr. Stephan Schüller, Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter der Bankhaus Lampe KG im Gespräch
KÖLN, 6.7.2010 (DAI/DJN). Privatbanken gelten als Gewinner der Finanzkrise, weil viele vermögende Kunden enttäuscht von den großen Geschäftsbanken zu den Privatbanken gewechselt sind. Eine der größten inhabergeführten deutschen Privatbanken ist das Bankhaus Lampe mit Sitz in Bielefeld. Stephan Schüller ist seit 2006 Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter. Im Interview spricht er über die neuen Eigenkapitalregeln sowie die geplante Sonderabgabe für Banken und erklärt, was er von den "bösen Spekulanten" hält.
Herr Schüller, mit welchen Risiken ist das klassische Geschäft der Privatbanken behaftet?
Die klassische Privatbank - in unserem Verständnis - zeichnet sich durch ein konservatives, risikoarmes Geschäftsmodell aus und begrenzt ihre Geschäftstätigkeit auf sichere und verständliche Produkte. Privatbanken stehen erfolgreich für Professionalität, Objektivität, Zuverlässigkeit und Exklusivität - Werte, die in wirtschaftlich schwierigen Zeiten besonders gefragt sind. Damit grenzen sich Privatbanken von anderen Geschäftsbanken ab, deren Probleme gerade im Zuge der Krise zutage traten und zu einem erheblichen Vertrauensverlust der Kunden geführt haben. Das Thema Finanzmarktregulierung hat bei den Politikern zurzeit weltweit oberste Priorität. Verwerfungen, wie die der letzten zwei Jahre, sollen in Zukunft vermieden werden. Dafür sollen z.B. die Eigenkapitalregeln für die Banken geändert werden. Das Eigenkapital soll qualitativ verbessert und Risiken besser abgedeckt werden.
War in den letzten Jahren die Eigenkapitalquote bei den Banken zu niedrig?
Die Eigenkapitalquote von Banken lässt sich nicht pauschal als zu niedrig beurteilen. Zur Beurteilung der Eigenkapitalausstattung von Banken muss wieder die eigentliche Idee von Basel II, nämlich die Kapitalunterlegung von den eingegangenen Risiken abhängig zu machen, in den Vordergrund rücken. Vor allem die Banken mit risikoarmen Geschäftsmodellen haben im Zuge der Krise belegt, dass ihre Eigenkapitalausstattung ausreichend war, um den eingegangenen Risiken zu begegnen. Bei anderen Banken dagegen entsprach die Eigenkapitalhinterlegung nicht den Geschäftsrisiken. Ob allerdings höhere Eigenkapitalunterlegungen alleine Verwerfungen an den Finanzmärkten, wie wir sie erlebt haben, vermindert oder gar verhindert hätten, ist fraglich. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass die geplante Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen für Banken weit reichende Konsequenzen für die Kreditindustrie, aber auch die übrigen Wirtschaftszweige haben wird.
Auch bei der Aufsicht soll sich einiges ändern. Auf europäischer Ebene wird es zukünftig drei Aufsichtsbehörden für Banken, Versicherungen und den Wertpapierbereich geben. In Deutschland will die Bundesregierung die Bankenaufsicht bei der Bundesbank konzentrieren. Dies sind zunächst einmal vor allem organisatorische Veränderungen. Wird die Aufsicht dadurch besser? Was müsste sich Ihrer Meinung nach bei der Aufsicht ändern, damit zukünftig entstehende Risiken früher erkannt werden?
Es hat sich im Verlauf der Krise gezeigt, dass die vorhandenen Aufsichtsstrukturen unzureichend waren und insofern Handlungsbedarf besteht. Die Vernetzung der europäischen Aufsicht auf supranationaler Ebene könnte künftig eine bessere Regulierung großer, europaweit tätiger Banken ermöglichen. Zusätzlich kann durch einheitliche regulatorische Bedingungen ein Level Playing Field für alle Finanzinstitute gewährleistet werden. Vor diesem Hintergrund wäre sogar über eine mögliche globale Lösung nachzudenken. Die Anforderungen an eine adäquate Krisenprävention gehen jedoch über die rein organisatorische Neuordnung der Bankenaufsicht hinaus. Hier sind u.a. Strukturen und Kompetenzen notwendig, um systemische Risiken quantifizieren und die Entwicklung geeigneter Maßnahmen zu deren Vermeidung oder Verringerung, im Sinne von Frühwarnsystemen, umsetzen zu können.
In Deutschland wird über eine Sonderabgabe für Banken und Versicherungen diskutiert. Man stützt sich dabei auf einen Vorschlag des IWF, der neben der Bilanzsumme abzüglich Einlagen auch die Gehalts- und Bonizahlungen an die Mitarbeiter als Grundlage für die Abgabe berücksichtigt. Was halten Sie von der geplanten Sonderabgabe? Kann eine solche Abgabe überhaupt die Risikobereitschaft der Banken reduzieren?
Grundsätzlich kann eine Sonderabgabe für Banken sinnvolle Wirkungen entfalten. So könnte die Existenz eines daraus gespeisten Risikofonds langfristig zu einer höheren Krisenresistenz der Finanzwirtschaft beitragen und einen Puffer für den Fall akuter Destabilisierungen bereitstellen. Um dieses übergeordnete Ziel zu erreichen, muss die Sonderabgabe jedoch bestimmte Kriterien erfüllen. So ist es entscheidend, dass die Lasten für die zukünftige Krisenbewältigung verursachungsgerecht verteilt werden. Hier gilt es, dass vor allem systemrelevante Banken an den Kosten beteiligt werden müssen, da sie als Auslöser systemischer Krisen gelten. Da diese Banken außerdem von einer impliziten Staatsgarantie profitieren, muss vor allem diese in einer Abgabe berücksichtigt werden. Auf diese Weise werden die Vorteile aus dem systemrelevanten Status angemessen bepreist. Weiterhin muss die Abgabe so bemessen werden, dass sich ihre Höhe an dem Risikoappetit der jeweiligen Bank orientiert. Schließlich gilt es auch angemessene und zielführende Incentivierungskomponenten zu integrieren. Eine Finanzmarkttransaktionssteuer beispielsweise folgt diesen Kriterien nicht und bietet so keinen Anreiz zur Risikominimierung.
Eine Ursache für das Entstehen neuer Spekulationsblasen ist die jeweils große Verfügbarkeit billigen Geldes. Trotzdem werden nach jeder geplatzten Blase mit dem Argument, nur so eine Rezession verhindern zu können, die Geldschleusen durch die Notenbanken weit geöffnet. Treiben wir hier nicht den Teufel mit Beelzebub aus? Führt die Ausweitung der Geldmenge nicht mittelfristig zu einer schwer beherrschbaren Inflationsgefahr?
Es kann nicht bestritten werden, dass die Notenbanken alle Schleusen geöffnet haben, um der aktuellen Krise der Finanzmärkte zu begegnen. In Anbetracht der kritischen Lage, die vor allem nach dem Zusammenbruch der Interbankenmärkte infolge der Lehman-Pleite herrschte, kann aber ernsthaft bezweifelt werden, dass es eine adäquate Alternative gab, um größere Schäden von der Weltwirtschaft abzuwenden. Die geldpolitischen Handlungsmöglichkeiten beschränken sich aber nicht ausschließlich auf die Bereitstellung von Liquidität. So nehmen die großen Notenbanken um die EZB und die Federal Reserve die Krisenliquidität seit Anfang des Jahres zunehmend zurück, indem sie schrittweise aus ihren krisenspezifischen Maßnahmen aussteigen. Da sich die erhöhte Geldbasis außerdem nicht in einer Erhöhung der Gesamtmenge des umlaufenden Geldes widerspiegelt und sich so nicht einkommenswirksam äußert, ist mittelfristig nicht von einer erhöhten Inflationstendenz auszugehen.
Der Euro hat in den letzten Wochen stark gegen den Dollar an Wert verloren. Zu Beginn der Währungsunion war er im Verhältnis zum Dollar allerdings noch deutlich weniger wert als heute. Gab oder gibt es tatsächlich gezielte Angriffe auf den Euro, wie von den Politikern immer wieder gerne behauptet wird? Soll und kann man den 'Spekulanten' das Handwerk legen? Wenn ja, wie?
Die 'bösen Spekulanten' sind wohl eher populistisch notwendige, nicht identifizierte Sündenböcke, mit denen die Politik von dem eigentlichen Problem, nämlich einer seit Jahren ausufernden Staatsverschuldung, ablenken will. Die Finanzmärkte indes wissen um die strukturellen Schwächen der Währungsunion und nutzen sie aus. Ein Großteil der Marktbewegungen basiert somit auf einer rationalen Einschätzung der Marktteilnehmer über erhöhte Risiken in den PIIGS-Staaten.
Das Interview führte Uta-Bettina von Altenbockum.
Deutsches Aktieninstitut e.V.