Das italienische Infektionsrisiko

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12. Juni 2017
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Von Carsten Mumm

Italien ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone. Das italienische Bankensystem ist aufgrund einer Fülle an zweifelhaften Kreditforderungen angeschlagen. Zudem bestehen enge Verflechtungen Italiens zu den anderen Euro-Teilnehmerstaaten, beispielsweise über gegenseitige Unternehmensbeteiligungen oder das Europäische System der Zentralbanken. Ein Ausscheiden des Landes aus der Eurozone würde die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung des gesamten Währungsraums deutlich erhöhen. Italienische Unternehmen und der Staat könnten ihre Euro-Schulden im Ausland angesichts einer deutlich schwächeren neuen Währung kaum zurückzahlen. Unternehmen und Staaten der anderen Eurostaaten müssten entsprechende Abschreibungen vornehmen. Die bisher wirksame Akut-Medizin gegen die europäische Schuldenkrankheit – die ultra-expansive Geldpolitik der EZB – würde voraussichtlich nicht mehr ausreichen. Die Eurozone könnte sogar einen tödlichen Infarkt erleiden.

Dieses Szenario ließe sich am besten durch eine prophylaktische Impfung im Sinne einer dynamischen – ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen – Entwicklung Europas in den kommenden Monaten verhindern. Hier gibt es bereits positive Signale. Die europäische Konjunktur entwickelt sich weiterhin sehr robust. Diverse Frühindikatoren deuten auf eine weitere Wachstumsbelebung in den Jahren 2017 und 2018 hin. Die Bürgerbewegung „Pulse of Europe“ mobilisiert weiterhin Tausende zu regelmäßigen proeuropäischen Kundgebungen. Auch politisch gibt es zunehmende Lebenszeichen proeuropäischer Kräfte. Nach den Präsidentschaftswahlen in Frankreich zeichnet sich eine enge Zusammenarbeit der französischen mit der deutschen Regierung ab. Zumeist geht es in gemeinsamen Erklärungen Macrons und Merkels auch um die Zukunft der Eurozone. Die europäische Kommission hat im März ein „Weißbuch zur Zukunft Europas“ veröffentlicht, in dem verschiedene Szenarien für die zukünftige Zusammenarbeit der europäischen Nationalstaaten dargestellt werden. Diese reichen von einer tieferen Integration über eine engere Zusammenarbeit bei ausgewählten Aspekten, z.B. dem Binnenmarkt, bis zu einem Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten. Dadurch soll bis zu den Wahlen zum Europäischen Parlament im Juni 2019 eine öffentliche Diskussion über die gewünschte zukünftige Ausgestaltung Europas angeregt werden. Die deutliche Aufwertung des Euro in den vergangenen Wochen unterstreicht den aufkommenden Euro-Optimismus.

Alle genannten Aspekte benötigen jedoch mehr Zeit, um eine stärkere positive Ausstrahlwirkung auf die europäische Bevölkerung zu erzielen. Genau hier ist das Problem: jüngst brachte der italienische Ex-Premierminister und Kandidat der italienischen Demokraten Matteo Renzi als Zeitpunkt für die anstehende Parlamentswahl bereits den Herbst 2017 ins Spiel. Auch wenn die Zeit knapp ist und es vor der Wahl noch einige administrative Regelungen vorzunehmen gilt (v.a. Verabschiedung des italienischen Haushalts für 2018 sowie die Einigung der großen italienischen Parteien auf eine Wahlrechtsreform), unterstützen derzeit alle großen italienischen Parteien einen vorzeitigen Wahltermin.

Das in der Juni-Ratssitzung noch einmal bekräftigte klare Bekenntnis der EZB, bis auf weiteres an ihrer geldpolitischen Ausrichtung festzuhalten, mag auch dem potenziellen Italien-Risiko geschuldet sein. Es ist allemal besser, den Börsen in dieser Situation die Medikation vorerst zu lassen, als vorschnell eine geldpolitische Straffung anzukündigen, die ggf. kurzfristig wieder korrigiert werden müsste.

Autor: Carsten Mumm ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.