Extremrisiken steigen

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12. Juli 2017
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Von Ludovic Subran

Die globale Wirtschaftsdynamik steht vor großen Herausforderungen. Im Umfeld einer weltweit stabilen Lage und einer endlich anlaufenden konjunkturellen Erholung lauert damit ein hohes Maß an Divergenz und Risiko. Die Situation spitzt sich durch die Konzentration von Bargeldbeständen auf Rekordniveaus in einigen Regionen und Industrien zu, während das Ausmaß und die Häufigkeit von großen Unternehmensinsolvenzen weiter zunimmt. Als Beispiele sind die Großinsolvenzen im Einzelhandel und dem Dienstleistungssektor zu nennen, insbesondere in den USA, aber auch steigende Unternehmenskonkurse in China und Brasilien sowie längere Zahlungsverzüge in China und der Luftfahrtindustrie. Die Extremrisiken nehmen zu. Das müssen wir in den kommenden Monaten aufmerksam beobachten. Insgesamt ist in diesem Jahr von einem Rückgang der weltweiten Insolvenzen um 1 % auszugehen, bevor sie 2018 wieder um 1 Prozent ansteigen dürften. Allerdings werden die durchschnittlichen Konkurse in 20 Ländern über den Durchschnitt vor der Finanzkrise 2008 steigen. Nach einem deutlichen Rückgang der Insolvenzen in den vergangenen drei Jahren ist das globale Bild von uneinheitlichen regionalen Entwicklungen geprägt. Auch gab es einen starken Anstieg der Insolvenzen von Großunternehmen im ersten Quartal 2017.

So mussten im ersten Quartal dieses Jahres weltweit 74 Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 50 Mio. Euro Insolvenz anmelden. Das sind 30 mehr als in den ersten drei Monaten des Vorjahres. Der kumulierte Umsatz der insolventen Konzerne belief sich auf insgesamt 19,1 Mrd. Euro und entspricht einem Anstieg um 34 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2016. Allein die größten 20 Insolvenzen stehen dabei für einen kumulierten Umsatz von rund 13,4 Mrd. Euro und damit für etwa 70 Prozent der gesamten Insolvenzsumme weltweit in diesem Zeitraum. Während acht dieser Großinsolvenzen in den USA registriert wurden, hatte Europa den höchsten Anstieg zu verschmerzen: bei durchschnittlich mehr als einem von drei der großen Insolvenzen war ein europäischer Konzern betroffen. Die Insolvenz eines großen Unternehmens kann immer auch einen Domino-Effekt auslösen. Wenn Dienstleister in einer Wertschöpfungskette davon überrascht werden, können sie selbst in Schwierigkeiten geraten. Damit können große Konkurse beispielsweise von amerikanischen oder britischen Einzelhandelsunternehmen über Zulieferer auch die Elektronik- oder die Textilbranche anstecken. Kein Sektor kann von dieser Entwicklung ausgeschlossen werden. Deswegen sollte dieser Wake-Up-Call bestenfalls bei jedem CFO eines Unternehmens ankommen.

Im letzten Jahr haben Liquiditätspositionen in Unternehmensbilanzen, die nicht zum Finanzsektor gehören, eine Rekordsumme in Höhe von 7 Bio. USD erreicht. Seit der Finanzkrise 2008 hat sich das Bargeldvolumen damit von 3,5 Bio. USD verdoppelt. Der Anstieg entspricht einem Plus von fast drei Prozent im Vergleich zu 2015 und von 34 Prozent im Vergleich zu 2010. In der Summe entspricht es mittlerweile fast 10 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes (BIP). Regional verteilt sich die hohe Liquidität vor dem Hintergrund von Steueroptimierungen zu 30 Prozent auf amerikanische Unternehmen, während chinesische Unternehmen ihr Bargeldvolumen seit 2010 verdoppelt haben. Der bemerkenswerteste Anstieg ist in den asiatisch-pazifischen Ländern zu verzeichnen, in denen der Anteil an den globalen Barreserven von knapp 36 Prozent in 2007 bis auf fast 44 Prozent in 2016 angestiegen ist. In Westeuropa liegt der Anteil deutlich darunter und verteilt sich uneinheitlich auf die verschiedenen Länder. 

Obwohl das globale Wirtschaftswachstum die Cash-Generierung stützt, setzen Unternehmen ihren Spartrend angesichts der anhaltenden Unsicherheiten und Risiken fort. Mit global zunehmenden Investitionen und M&A-Aktivitäten könnte sich die Akkumulation von Barbeständen verlangsamen. Auch andere Entwicklungen können sich auf den Trend auswirken. Der Steuerrückführungsplan der US-Regierung könnte sich beispielsweise als bedeutend erweisen, wenn er Unternehmen anspornt, höhere Geldbeträge in die USA zurück zu bringen. Einer Produktionsverlagerung in die Vereinigten Staaten könnten Investitionen in Arbeitsplätze sowie in Forschung und Entwicklung folgen, während Renditeabhängige Unternehmen weiter Cash-Polster festhalten.     

Im Umfeld zunehmender Großinsolvenzen und hohen Liquiditätsbeständen bleibt das Zahlungsverhalten der Unternehmen angespannt. 2016 mussten Unternehmen weltweit im Durchschnitt 64 Tage auf Forderungen warten. Derzeit ist davon auszugehen, dass sich die globale Forderungslaufzeit (Days Sales Outstanding, DSO) auch in diesem Jahr beim Durchschnittswert von 64 Tagen einpendeln wird. Allerdings mussten 9% der Unternehmen im letzten Jahr im globalen Durchschnitt mehr als 120 Tage auf ihre Bezahlung warten. Unternehmen in Neuseeland, Österreich, den Niederlanden, Dänemark, den USA, in der Schweiz und in Australien gehören mit Forderungslaufzeiten bis durchschnittlichen 50 Tagen Forderungslaufzeit zu denen, die am schnellsten bezahlt werden. Am längsten warten Firmen in der Türkei (durchschnittlich 80 Tage), in Italien (durchschnittlich 85 Tage), Griechenland (durchschnittlich 88 Tage) und China (durchschnittlich 89 Tage) auf den Geldeingang. Das neue Schlusslicht China hat damit den höchsten Stand seit neun Jahren erreicht.

Autor: Ludovic Subran ist Chefökonom bei dem weltweit größten Warenkreditversicherer Euler Hermes.