Geschäftsmodelle unter Druck

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26. Juni 2015
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Von Stefan Hirschmann

Beinahe flehentlich wirken die Appelle vieler Bankenvertreter an die Aufsicht, es mit der Regulierungsintensität nicht zu übertreiben. Vor allem kleinere Institute gehen schon jetzt ob der Vielzahl regulatorischer Anforderungen in die Knie. Unter Berücksichtigung der Arbeitsprogramme der europäischen Finanzaufsichtsbehörden (EBA, ESMA und EIOPA), der Europäischen Zentralbank als auch der nationalen Regulierungsbehörden ist wohl davon auszugehen, dass die Flut regulatorischer Neuerungen auch in den nächsten Jahren nicht abebben wird. Aktuellen Prognosen zufolge ist bis zum Jahr 2020 mit bis zu 1.000 neuen Normen zu rechnen – wohlgemerkt: pro Jahr.

Gemäß einer brandaktuellen Studie von FICO und Chartis steigt der kumulative Kapitalbedarf von Banken in Europa und den USA wegen neuer Regulierungen um mehr als zwei Bio. US-$ im Vergleich zum Niveau vor der Finanzkrise. Unter Berücksichtigung des gerade vom Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht veröffentlichten Konsultationspapiers zur aufsichtlichen Berücksichtigung von Zinsänderungsrisiken im Bankbuch ist dieser Betrag jedoch sicherlich noch einmal signifikant nach oben zu korrigieren.

Zudem haben die Institute auch zunehmend mit den Wechselwirkungen der aktuellen Regulierungsvorhaben zu kämpfen. So sind sie nach den neuen Liquiditätsvorschriften verpflichtet, einen Pool an hochliquiden Aktiva vorzuhalten, was durchaus als Eingriff in die Geschäftstätigkeit und unternehmerische Entscheidungsgewalt der Institute gewertet werden kann. Führt man sich zudem vor Augen, dass mit diesen aufsichtlich vorgeschriebenen Investments aufgrund des Niedrigzinsumfeldes negative Renditen und korrespondierenden Auswirkungen innerhalb der Gewinn- und Verlustrechnung einhergehen, wirkt die Forderung der Aufsicht nach einer höheren Ertragskraft der Institute oder dem Erschließen alternativer Ertragsquellen zumindest befremdlich.

Dieser Eindruck wird bei einigen Häusern durch die Ergebnisse des aufsichtlichen Überprüfungsprozesses (SREP) weiter befeuert, ist doch häufig genug eine drastische Anhebung der Mindesteigenkapitalanforderungen das Ergebnis. Ausschlaggebender Grund dafür ist ein tendenziell steigendes Misstrauen der Aufseher gegen die Geschäftsmodelle der Institute – Geschäftsmodelle, welche die Aufsicht mit ihrer Regulierung signifikant beeinflusst.

Die neue Bankenaufsicht bedeutet für die Institute damit vor allem Eines: den Aufbau von wesentlich mehr (bilanziellem) Eigenkapital. Eine in Ansätzen diskutierte Eigenkapitalunterlegung für (EU)-Staatenforderung ist wohl nur deshalb noch nicht umgesetzt, um die Finanzierung der öffentlichen Hand nicht zu gefährden. Aber dennoch: vielleicht muss sich die (europäische) Aufsicht schon im Jahre 2023 durchaus die Frage gefallen lassen, ob ihre Regelungen tatsächlich eine Finanzmarktstabilisierung bewirken konnten oder nicht doch tendenziell eher zu einer Disbalance im Bankensystem geführt haben. Denn eines ist sicher: Der Regulierungsflut werden künftig zahlreiche Banken zum Opfer fallen.

Autor: Stefan Hirschmann, Redaktion RISIKO MANAGER.