Risiko Digitalisierung: Sind Großbanken „too big to change“?

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08. August 2017
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Von Guy de Blonay

Kürzlich hat die US-Notenbank ihre Pläne zum Bilanzabbau bekannt gegeben und die Federal Funds Rate um 0,25 Prozent erhöht. Dies ist der zweite und voraussichtlich auch nicht der letzte Schritt dieser Art in sechs Monaten. Ein zunehmend angespannter Arbeitsmarkt hat Fed-Präsidentin Janet Yellen dazu veranlasst, die geldpolitischen Zügel anzuziehen. Eine Kombination aus Trump-Effekt und normalisierender Geldpolitik führte zu einem Ansturm auf zyklische Finanzwerte – vor allem bei Banken. Die Leidtragenden dieser Entwicklung waren Unternehmen, die sich auf den weltweiten Zahlungsverkehr spezialisiert haben sowie FinTechs. Bankaktien konnten zuletzt aus gutem Grund zulegen, denn Zinserhöhungen schlagen sich in einer verbesserten Nettozinsmarge nieder. Was aber hinterfragt werden sollte, ist die Tatsache, dass FinTechs reflationsbedingt ins Hintertreffen geraten sind.

Zu groß für Veränderung?
Im Zuge der Finanzkrise wurde die Frage laut, ob Großbanken „too big to fail“ seien, also zu wichtig, um zu scheitern. Der FinTech-Sektor wirft eine andere Frage auf: Sind die Großbanken „too big to change“ – sprich zu groß für Veränderung? Jahrzehntelang haben Großbanken von der Kundenträgheit profitiert, die sie quasi wie ein Schutzwall umgeben hat. Die Gründe hierfür waren mangelnde Transparenz sowie praktische Produktpakete, die es den Banken ermöglichten, Finanzdienstleistungen aus einer Hand anzubieten. Technologische Entwicklungen, neue Regelungen für verbesserte Transparenz sowie die große Zahl digital versierter Millennials, die bereits nicht-klassische Zahlungsdienstleister wie Apple, Google, PayPal und Facebook nutzen, läuten jedoch das Ende der Bankenträgheit ein.

In einigen Ländern haben Aufsichtsbehörden bereits Maßnahmen zur Wettbewerbsförderung eingeführt. So soll zum Beispiel die Open-Banking-Initiative, die von der britischen Wettbewerbs- und Marktaufsichtsbehörde ins Leben gerufen wurde, zu erheblichen Veränderungen der Interaktion zwischen Kunde und Bank führen. Diese Initiative vereinfacht den Datenaustausch und ermöglicht Kunden mehr Freiheit bei der individuellen Anpassung ihrer Bankdienstleistungen. Die oftmals genutzten Produktpakete dürften für Banken künftig weniger rentabel sein. Dies wird sich auf die derzeitige Praxis auswirken, wonach margenstarke Produkte genutzt werden, um margenschwache Produkte zu subventionieren.

Kometenhaftes Wachstum für FinTech-Investitionen
Große Banken sind häufig komplexe Organisationen – und viele von ihnen haben die Investition in IT sträflich vernachlässigt. Einer Analyse von Redburn zufolge haben Banken in Nordamerika, Europa, Asien-Pazifik und Lateinamerika im vergangenen Jahr 241 Mrd. US-$ für ihre IT-Infrastruktur ausgegeben, wovon nur ein Viertel auf Innovationen entfiel. Drei Viertel der Ausgaben wurden für Wartungsarbeiten aufgewendet. Die gewaltige Herausforderung für traditionelle Banken zeigt sich darin, dass JP Morgan – die weltweit größte Bank gemessen an der Marktkapitalisierung – rund 3 Mrd. US-$ für die IT ausgegeben hat, während Google und Amazon 14 Mrd. -$ bzw. 16 Mrd. US-$ in Forschung und Entwicklung investierten. Zwar ist dies nicht eins zu eins vergleichbar, aber in jedem Fall von hoher symbolischer Bedeutung. Insbesondere verzeichnete das Investitionswachstum in Finanztechnologien einen explosionsartigen Anstieg von 5,5 Mrd. US-$ im Jahr 2005 auf über 100 Mrd. US-$ heute.

Die spannendsten Entwicklungen im FinTech-Bereich spielen sich derzeit in China ab, wo die Technologieriesen Alibaba (E-Commerce), Tencent (Messenger) und Baidu (Suchmaschine) umfassende digitale Zahlungsdienste betreiben. Ihre Größe ist beeindruckend: So verfügt Alipay über einen Kundenstamm von etwa 400 Millionen Personen. Die Entwicklungen in China sollten die westlichen Banken wachrüttelten, bei denen kulturelle Faktoren das größte Innovationshindernis bilden.

Autor: Guy de Blonay ist Fondsmanager des Jupiter Global Financials SICAV bei Jupiter Asset Management.