Wirtschaft wächst auch im politischen Vakuum

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23. November 2017
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Von Otmar Lang

In Deutschland droht ein politisches Vakuum – und das vielleicht für eine längere Zeit. Andere Länder kennen diese Situation bereits: 209 Tage brauchte es in den Niederlanden nach der Wahl, bis die neue Regierung stand. In Spanien 315 Tage und in Belgien sogar 541 Tage. Betrachtet man – in einem natürlich verengten Blick – ausschließlich die Entwicklung der Wirtschaft und der Börsen, dann ist ein solches Vakuum gar nicht so schlecht. Denn auch ohne voll handlungsfähige Regierung kann der Wachstumskurs eines Landes stabil sein. So fiel das niederländische Wachstum während des politischen Vakuums im zweiten Quartal dieses Jahres mit 3,8 Prozent so hoch aus wie seit dem Beitritt zur Währungsunion nicht mehr. Dieser Wert lag klar über dem europäischen Durchschnitt. Auch die niederländische Aktienbörse AEX ließ sich durch das Fehlen einer voll handlungsfähigen Regierung nicht beirren. Der AEX konnte gegenüber dem europäischen Aktienindex STOXX 600 während dieses Zeitraums sogar outperformen.
Ähnlich lief es in Spanien ab. Hier fanden im Dezember 2015 Parlamentswahlen statt, eine Regierung wurde nach Neuwahlen aber erst im Oktober 2016 gebildet. In dieser Zeitspanne hatten die spanischen Aktien zwischenzeitlich zwar underperformt, aber im Monat der Regierungsbildung war der Unterschied so gut wie auf null zusammengeschmolzen.

Wir wollen nicht zu vollmundig behaupten, dass es der Wirtschaft ohne voll handlungsfähige Regierung besser geht. Möglicherweise aber lässt sich ein politisches Vakuum an den Börsen besser durchstehen, wenn die fundamentalen Rahmenbedingungen stimmen – so geschehen in Spanien und den Niederlanden. Auch für Deutschland sehen wir nicht die Gefahr, dass die Märkte unter den derzeitigen politischen Unsicherheiten einbrechen. Dafür ist die wirtschaftliche Situation Deutschlands derzeit einfach zu stabil – auch ohne neue Bundesregierung.

Autor: Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank AG, Düsseldorf.